XXL-Interview mit Martin Otto: „Ich bin absolut stolz auf das, was wir erreicht haben“

Im XXL-Interview zieht Damen-Bundestrainer Martin Otto u. a. sein persönliches WM-Fazit. Ferner spricht der 55-Jährige durchaus kritisch über die sportliche Zukunft des Rollstuhlbasketballs in Deutschland, die athletische Konkurrenz in anderen Ländern sowie über die Chancen, den Schwung der WM für den Sport hierzulande zu nutzen

Wie fällt dein persönliches Fazit über das Abschneiden des Team Germany bei der Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg aus?

Ich bin absolut stolz auf das, was wir erreicht haben. Es war einfach Wahnsinn, dass wir nach dem Umbruch eine Medaille geholt haben und so nicht zu erwarten. Bei diesem Turnier war definitiv nicht mehr drin.

Was lief sportlich gut?

Ich würde sagen, wir haben eine sehr gute Vorrunde gespielt.

Woran machst du das fest?

Wir haben zum Beispiel die Amerikanerinnen überrascht, und zwar mit der Art und Weise wie wir verteidigt haben. Wir konnten ihre Schlüsselspielerinnen, Nummer 15, 23 und 10 (Anm. d. Red.: Rose Hollermann, Abigail Dunkin und Morgan Wood) aus dem Spiel nehmen, so dass sie kaum offene Würfe hatten. Der Schlüssel war unsere Verteidigung, die über weite Strecken wirklich hervorragend war.

Was gab es noch?

Der zweite Schlüssel, um den Gruppensieg zu schaffen, war das letzte Vorrundenspiel gegen China. Da haben wir uns explizit in puncto Biorhythmus vorbereitet, d. h. wir sind während des gesamten Turnieres, auch wenn wir nicht gespielt haben, um 7.30 Uhr morgens aufgestanden. Auch als wir die Möglichkeit hatten länger zu schlafen, haben wir das nicht getan. Dies haben wir gemacht, um in das entscheidende Spiel am Mittwoch, das um 9.30 Uhr begann, entsprechend zu starten. So waren wir fit und wach und daher sehr gut in die Partie reingekommen. Und auch zu diesem Match muss ich sagen, dass wir die Keyplayers, wie die Nummer 10 (Anm. d. Red.: Suiling Lin), die Topscorerin der Chinesen, als auch die Nummer 6 (Anm. d. Red.: Xuemei Zhang), die Centerin, limitieren und aus dem Spiel nehmen konnten. So haben wir die Centerin immer wieder auf ihre rechte Hand verteidigt. Das waren mit Sicherheit wichtige Schlüsselfaktoren für den Erfolg.


„Ich habe ja schon während der WM in etlichen Interviews durchaus kritische Anmerkungen gemacht.“


Hast du auch auf die andere Gruppe geschielt?

Nun, als Erster die Gruppenphase abzuschließen war unser erklärtes Ziel, um nicht spekulieren zu müssen, wer Erster, Zweiter oder Dritter in der anderen Gruppe ist bzw. wird, sondern um in einem möglichen Halbfinale dem absoluten Topfavoriten aus den Niederlanden aus dem Weg zu gehen, falls wir ins Semifinale kommen.

Ihr bekamt es dann aber mit einem anderen Gegner zu tun.

Ja. Das Viertelfinale gegen Spanien war für uns ein Geschenk, da es eben nicht Australien war, eine Mannschaft, die uns die ganze Zeit über gepresst hätte. Damit hatten wir die Möglichkeit, eine starke spanische Mannschaft, die in der anderen Gruppe jede Menge Gegner geärgert und mitgehalten hatte, deutlich zu schlagen. Und damit war unser Ziel nicht nur erreicht, sondern auch getoppt.  Das Ziel war ganz klar das Erreichen des Viertelfinales und nicht des Halbfinales.

Dort seid ihr aber dennoch gelandet.

Richtig. Im Halbfinale selbst, dies muss ich so sagen, sind wir deutlich an unsere Grenzen gekommen, in athletischer Art und Weise. Und wir mussten knallhart feststellen, dass eine Mannschaft, die ganz andere finanzielle Optionen und Trainingsmöglichkeiten hat, an uns ganz einfach vorbeigezogen ist. Solch ein Team ist für uns, wenn unsere Strukturen so bleiben, erst einmal nicht zu erreichen. Wir haben deutlich, klar und verdient das Halbfinale verloren.

Was euch ein Spiel um die Bronzemedaille bescherte.

Korrekt. Und im Spiel um Platz drei haben die Chinesinnen auch langsam mitbekommen, dass wir athletisch ein Problem haben, insbesondere bei Pressaufstellungen über das ganze Feld. Dort hatten und haben wir Schwierigkeiten, da wir nicht ganz so schnell sind.  Das hat China ausgenutzt. Dementsprechend war es kein Spiel mehr, das wir klar gewinnen konnten. Es waren zwei Mannschaften auf Augenhöhe. Wobei ich dachte, dass die Chinesinnen deutlich vor uns sind.  Und dass wir dann ein so spannendes Spiel bzw. einen echten Krimi hinlegen, den wir dann sogar mit einem Punkt gewinnen, das war Wahnsinn. Ich bin einfach total happy und begeistert, dass wir einen solchen Abschluss bei der eigenen WM hatten.

Das bringt mich zur nächsten Frage: Was sind deine persönlichen Rückschlüsse, die du für dich aus der Heim-WM mitnimmst?

Ich habe ja schon während der WM in etlichen Interviews durchaus kritische Anmerkungen gemacht.

Oha. Lass hören.

Ich bin davon überzeugt, dass wir den Anschluss an die Weltspitze nicht werden halten können, wenn es unsere Spielerinnen nicht schaffen, die Athletik zu verbessern. Das bedeutet für uns drei bis vier Mal die Woche eine halbe Stunde Chairskills zu trainieren, bevor sie mit dem Wurftraining beginnen. Dieses ist unglaublich wichtig, unabhängig von der finanziellen Förderung und der Trainingssituation.

Das heißt für die kommenden großen Turniere was genau?

Ich glaube nicht, um ein Ausblick auf die EM 2019 zu wagen, dass wir momentan eine Chance haben, ein Endspiel zu erreichen. In Europa werden ganz klar GB und Holland vor uns sein. Ich glaube, um auch in diese Richtung zu blicken, dass uns ein Team wie Spanien auf die Pelle rücken wird, da sie athletisch eine bessere Mannschaft haben als wir. Wobei die Trainingssituation nicht ganz so professionell ist, wie in anderen Ländern. Das heißt, wir kämpfen um den dritten Platz, von dem uns z. B. ein Team aus Spanien in naher Zukunft verdrängen kann. Und wenn Frankreich auch noch Gas gibt, dann muss man sagen, da es nur vier europäischen Starterplätze gibt, auch eine Qualifikation für die Paralympics schwierig wird.

Kannst du das für Tokio 2020 konkretisieren?

Nun, Mannschaften wie die USA, die jung, talentiert und athletischer sind als wir, ziehen an uns vorbei.  Australien, die momentan im Kopf aufgrund des Abschneidens bei der WM eventuell noch nicht soweit sind, sind ebenfalls athletischer als wir. Darüberhinaus gibt es weitere Mannschaften in der Weltspitze, wie China und Japan, die andere Trainingssituationen haben als das Team Germany und athletisch schneller sind. Diese Länder werden an uns vorbeiziehen.


„Man wird froh sein müssen, überhaupt noch ein Viertelfinale zu erreichen.“


Das heißt …

… in Zukunft ein Halbfinale zu erreichen, wenn die Trainingssituation und die finanzielle Situation für die Spielerinnen so bleiben, wird eher unwahrscheinlich sein. Der deutsche Rollstuhlbasketball der Damen wird eher nicht mehr im Finale und Halbfinale zu sehen sein. Man wird froh sein müssen, überhaupt noch ein Viertelfinale zu erreichen.

Gibt es etwas, dass du persönlich anders machen wirst bzw. möchtest?

Ich glaube, dass wir sehr gut vorbereitet waren. Wir haben unser Defizit schon vor der WM erkannt, und zwar dass wir athletisch nicht so gut sind, so dass wir in den letzten Lehrgängen mit und gegen Männermannschaften trainiert haben, um uns entsprechend vorzubereiten. Mehr ist in diesem Bereich nicht möglich, um Chairskills zu trainieren. Da die Trainingsbelastung in den Camps schon hoch ist und vier Spielerinnen angeschlagen ins Turnier gestartet sind, hätte ich es als kontraproduktiv empfunden, noch mehr in diesem Bereich zu machen. Auch aus Gründen der Verletzungsgefahr, da Schultern und Handgelenke noch mehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Und natürlich müssen wir auch auf andere Bereiche schauen und entsprechend trainieren. Deshalb finde ich es entsprechend schwierig, bei Lehrgängen nur auf die Athletik zu schauen. Kurzum: Natürlich haben wir Chairskills und die Athletik trainiert. Wir haben jedoch auch immer nur ein überschaubares Zeitfenster.

Klingt logisch.

Ja, wenn wir teilweise acht Stunden am Tag trainieren und uns dann noch den Chairskills widmen, habe ich die Sorge, die Spielerinnen auch ein Stückweit kaputt zu machen. Natürlich werden wir auch Chairskills trainieren, aber niemals in dem Maße, um Dinge aufzuholen und zu kompensieren. Das muss an anderer Stelle auch während der Saison passieren.

Lass uns das Thema wechseln: Wie beurteilst du die WM aus struktureller Sicht bzw. was sagst du zum Zuschauer- und Pressezuspruch, dem Rahmenprogramm und was hat dein direktes Umfeld gesagt?

Das Medieninteresse war bombastisch. Das war Wahnsinn und unglaublich. Das hätte ich niemals für möglich gehalten. Ich war begeistert darüber. Es hat mich in den ersten Tagen ganz viel Kraft gekostet, so kam ich mir schon fast wie der Pressesprecher der Nation vor, so dass ich schauen musste, um mich noch auf den Basketball konzentrieren zu können.

Martin Otto war ein gefragter Mann?

Ich hatte einen Pressetermin nach dem anderen ohne wirklich durchatmen zu können. Was aber total schön für unsere Sportart war und hoffentlich auch eine große Chance bietet, um z. B. neue Geldgeber begeistern zu können. Aber auch, wenn Berichte an bestimmten Stellen gelesen werden, mal darüber nachzudenken, dass vielleicht doch Änderungen in finanzieller Hinsicht vorgenommen werden können.



Und das Drumherum?

Das erste Mal, als ich zur Halle kam, fühlte ich mich, als sei ein großes Volksfest im Gange. Es war sehr schön, wie das alles eingebunden war, um damit auch Familien in die Arena zu bekommen.  Diese Nähe, die wir dann auch zu den Zuschauern hatten, ging schon ein bisschen in Richtung paralympisches Flair bzw. Dorf. Das war sehr, sehr schön.

Gab es weitere tolle Momente?

Ja, ein weiterer Höhepunkt waren die Zuschauer in der Halle. Das war einfach Wahnsinn zu sehen, was im Rollstuhlbasketball möglich ist. Da gab es keinen Unterschied zu dem, was ich in Fußgänger-Basketball-Hallen erlebe. Wie uns die Zuschauer angefeuert haben, dafür möchte ich mich bei allen bedanken, die den Weg in die Halle gefunden haben. Das hat uns getragen und unterstützt

Ein bisschen nagt es doch noch in mir: Andere Nationen, wie GB, die USA und die Niederlande scheinen sportlich davonzueilen. Was konkret wird passieren, um den sportlichen Anschluss nicht zu verlieren?

Wenn nichts Gravierendes passieren wird, sind im weiblichen Bereich Holland und jetzt GB an uns vorbeigezogen und uns sehr wahrscheinlich über längere Zeit enteilt. Amerika, Australien, China, Japan sind Nationen, die ähnliche Strukturen aufweisen, insbesondere finanzieller Natur und von der Trainingssituation her, die werden uns bis zu den Paralympics nicht nur eingeholt, sondern uns auch überholt haben. Das heißt, dass die ersten sechs Plätze auf jeden Fall für andere Länder reserviert sein werden.  Ein weiterer Ausblick ist der, dass Kanada auch die Möglichkeit hat, das genauso hinzubekommen. Und wenn ich dann noch Spanien ins Feld führe, kann es in naher Zukunft so sein, dass sich eine deutsche Damen-Nationalmannschaft freuen darf, überhaupt ins Viertelfinale zu kommen.

Was müsste deiner Meinung nach passieren?

Was ich mir diesbezüglich wünsche, ist eine andere finanzielle Struktur und eine Unterstützung für die Damen.

Und?

Das Zweite, aber genauso wichtig, ist, dass Vereine, ob in der ersten oder in den darunter liegenden Ligen, dem athletischen Bereich eine andere Rolle zuteilen. Sie dies erkennen und uns unterstützen.

Hast du Beispiele?

Ich denke, dass ein Verein wie Trier in persona von Dirk Passiwan, dies sehr gut macht. Das ist eine Mannschaft, die sehr athletisch in die Saison startet.  Hut ab, vor dem dortigen Trainerstab und Dirk selbst. Die Qualität, die dort athletisch gebracht wird, ohne anderen Vereinen nahezutreten zu wollen, bringt kaum ein anderer Klub in Deutschland. Und wenn alle so ein bisschen in die Richtung gehen, würde ich mich einfach freuen für den deutschen Basketball. Denn Chairskills, vier Mal die Woche trainiert, wie ich das bereits erwähnt habe, ist ein absolutes Muss.  Ob mit der Mannschaft oder eingebunden in Trainingskonzepte, ohne das wird der deutschen Damen-Rollstuhlbasketball nur noch eine Statistenrolle einnehmen.

Möchtest du zum Abschluss noch etwas loswerden?

Als letztes, gerade vor dem Hintergrund wie die WM gelaufen ist, durch die breite Öffentlichkeit und die Begeisterung etc., haben wir jetzt eine einmalige Chance, dieser Entwicklung, wie ich sie beschrieben haben, entgegenzuwirken. Weil die Leute, die an den entscheidenden Stellen sitzen, die Option haben, das Momentum dieser WM mit der Medienpräsenz und Begeisterung, zu nutzen. Und ich hoffe, dass wir diese Chance als Rollstuhlbasketball-Deutschland wahrnehmen werden, denn das ist das Pfund, das wir aktuell gerade besitzen.

Martin, vielen Dank für deine Zeit.

Interview: Martin Schenk | Foto: Steffie Wunderl

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