Interview mit Nicolai Zeltinger: „Würde ich rückwirkend den Stuhl erneut vermessen lassen? Wohl nicht.“

Die Paralympics in Tokio sind seit geraumer Zeit Geschichte. Mit einem siebenten Platz im Gepäck haben die deutschen Herren die Rückreise in die Heimat angetreten. Wie Bundestrainer Nicolai Zeltinger das sportliche Abschneiden beurteilt, was er zur Stuhlvermessung im Viertelfinale zu sagen hat und wie er den Abgang von Energizer André Bienek kompensieren möchte, verrät der Familienvater im Rollt.-Interview.

 

Nic, wie beurteilst du das sportliche Abschneiden des Team Germany der Herren bei den Paralympics? 

„Ich fand, dass wir auf einem sehr hohen Niveau gespielt haben und nah an den Weltbesten dran sind. Die knappe Niederlage gegen den späteren Paralympicssieger USA und deutliche Siege gegen den Weltmeister und Bronzemedaillensieger Großbritannien unterstreichen dies. Unser großes Ziel war es, die Vorrunde zu überstehen, in der die vier besten Teams der letzten WM, plus Algerien und Deutschland waren. Das haben wir geschafft, obwohl wir mit Dirk Passiwan auf einen der besten Rollstuhlbasketballer verletzungsbedingt verzichten mussten und uns dies viele wohl vorher nicht zugetraut hätten. Ich denke, wir spielen aktuell den besten Rollstuhlbasketball und können die Besten schlagen. Das Viertelfinal-Aus mit drei Punkten gegen Spanien schmerzt dann sehr. Es hat sehr wenig gefehlt. Wir freuen uns sehr, dass unsere Leistungen von der breiten Öffentlichkeit anerkannt werden. All die wunderbaren Nachrichten und Glückwünsche, die wir über die verschiedensten Kanäle erreicht haben, sind großartige Motivation für die Zukunft.

 

Im Spiel gegen Spanien hast du den Stuhl von Asier Garcia, wie schon bei der EM 2017, vermessen lassen. Was hast du damit bezweckt?

„Im letzten Viertelfinale der Paralympics in Rio hat uns dieser Spieler nachweislich betrogen, indem sein Stuhl die maximale Höhe überschritten hatte. Damals hat er das Spiel im letzten Viertel mit 8 Punkten entschieden. Damals habe ich meine Mannschaft davor nicht beschützen können. Nachdem wir über einen langen Zeitraum einem 4- bis 8-Punkte-Vorsprung hinterherliefen und nicht weiter verkürzen konnten, wollten wir sicherstellen, dass wir in einem fairen Kampf sind. Daraufhin haben wir den Rollstuhl überprüfen lassen. Die Folge war ein Freiwurf, den wir einkalkuliert haben. Würde ich rückwirkend den Stuhl erneut vermessen lassen? Wohl nicht. Aber würde ich grundsätzlich wieder Stühle unserer Gegner checken lassen? Sicherlich, denn sonst müssen sich die Gegner nicht an die Regeln halten.“

 

Kannst du nachvollziehen, dass es Fans gibt, die das neuerliche Stuhlvermessen als “unethisch” oder als falsches Mittel ansehen, um ans sportliche Ziel zu kommen?

„Die Regeln sehen zur Einhaltung der Rollstuhlmaße einzig vor, dass die Trainer diese überprüfen lassen. Wir können gerne darüber diskutieren, ob diese Regel unethisch oder falsch ist – nicht jedoch die Ausübung der geltenden Spielregeln. Letztendlich wird den Trainern der schwarze Peter zugeschoben. Wir sollen ohne den Stuhl untersuchen zu dürfen mit Augenmaß feststellen, ob ein Rollstuhl regelkonform ist? Mein konstruktiver Vorschlag ist, die Sitzhöhe frei wählbar zu machen, aber die Reifengröße zu beschränken. Damit wäre das Problem gelöst.“

 

Wie wirst du die “Energizer-Gap” schließen, die ein André Bienek immer wieder ausgefüllt hat? Als Starting-Five-Spieler hinterlässt er nicht nur eine sportliche Lücke, sondern vor allem die Rolle als emotionaler Motivator, “Anfeuerer” und Antreiber. Wer soll und wird diese Funktion übernehmen?

„Man kann einen Andre Bienek nicht einfach ersetzen. Er ist ein Weltkasse-Spieler, und André hat dieses Jahr sowie in der Vergangenheit sehr viel zum Erfolg beigesteuert – auf und abseits des Spielfelds. Ich danke ihm vielmals für seine professionelle Einstellung und seine emphatische Art, mit der er maßgeblich den Charakter dieses Teams geformt hat. Sicherlich wird Nico Dreimüller, der ein hervorragendes Turnier gespielt hat, frei gewordene Verantwortungen übernehmen können. Aber auch Jens Albrecht hat bewiesen, dass er sportlich und abseits des Spielfeldes eine starke Rolle eingenommen hat. Wir haben viele Spieler, die zukünftig noch mehr Verantwortung übernehmen können und wollen.“

 



 

Wie werden die nächsten Schritte bis zur EM in Madrid aussehen? André Bienek hat seinen Rücktritt erklärt, Chris Huber will laut Pressemitteilung des RSV seinen Fokus auf die berufliche Karriere legen, hinter Dirk Paßiwan steht ein Fragezeichen … 

„Wir werden bedingt durch den Spielbetrieb nur eine sehr kurze Vorbereitungszeit haben. Das wird schwierig werden, aber die Situation ist für fast alle gleich. Wer sich bis dahin für die Nationalmannschaft empfehlen wird, wird sich zeigen. Wir werden eine schlagkräftige Mannschaft ins Turnier schicken.“

 

Es gibt ja einige Rollstuhlbasketball-Fans, die zurecht nach Strukturreformen, Anpassungen, Basisarbeit etc. rufen. Vor genau einem Jahr (!) sprach ich mit Fritz Müller, Vorstandsmitglied im Fachbereich Rollstuhlbasketball, über die Themen “Gesamtbild”, “Vision”, “Ziele” und “Strategie“. (Siehe: Interview). Was wurde seitdem Handfestes umgesetzt? Auf was kann sich die Community freuen?

„Es ist richtig, wir sind in einem Wandel und müssen dies auch tun. Es ist nicht an mir zu erklären und zu verraten, was alles getan wird. Ich kann nur sagen, dass wir mit der AG Zukunft, die Christoph Küffner und Fritz Müller leiten, sehr große Schritte vorangekommen sind. Die Strukturen werden deutlich professioneller und effizienter. Wichtig ist es nun Menschen, auch in den Vereinen zu finden, die die Zukunft im Rollstuhlbasketball umsetzen möchten. Uns stehen große Herausforderungen bevor, um unsere Ziele zu erreichen. Aber gemeinsam mit allen, die den Rollstuhlbasketball lieben, können und werden wir es schaffen.“

 

Du bist beim DRS für den Leistungssport zuständig. Kannst gegenüber dem DBS Empfehlungen resp. Hinweise zur Besetzung der Nationaltrainer-Positionen abgeben. Was wirst du dem DBS sagen, wenn es um die Stelle des Damen-Nationaltrainers geht? Dennis Nohls Vertrag ist bekanntermaßen befristet.

„Die Besetzung des Damen Bundestrainers ist Sache des DBS. Sollte der DBS mich dazu befragen, was er nicht muss, werde ich ihm meine Meinung sagen.“

 

Bitte vervollständige zum Abschluss die folgenden drei Sätze: 

Der deutsche Rollstuhlbasketball wird international … auch in Zukunft zu den Top-Nationen zählen.

Ich persönlich habe während der Paralympics einmal mehr gelernt … welch wunderbares Gastgeberland Japan ist.

Den Fans in Deutschland möchte ich gerne DANKE sagen. Unsere Teams haben hunderte von wunderbaren Nachrichten und Glückwünschen zu unseren Leistungen erreicht. Das war große Motivation in Tokio und bleibt große Motivation für die Zukunft!

 

Vielen Dank für deine Zeit, Nicolai.

 

Interview: Martin Schenk | Foto: Uli Gasper

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