Pick and Rollt. #04: Das Fest der Liebe und die guten Vorsätze – Kleine Aufmerksamkeiten zur Saison-Halbzeit

Der erste Teil der Kolumne soll mal wieder Aufmerksamkeiten verteilen an Leute, die nicht so zentral beachtet werden, weil sie entweder zu klein, zu behindert, zu unauffällig, zu bescheiden sind oder sich einfach außerhalb des Rampenlichts bewegen. Rollstuhlbasketball ist ein Spiel mit zwölf Spielern, und man tut gut daran, über EINEN MVP, FÜNF Starter oder SIEBEN Rotationspieler hinaus zu denken. Wenn ihr also ein bisschen Liebe zu verschenken habt, hier kommen ein paar Empfehlungen, an wen…

Kölns Frank de Goede

Kölns Frank de Goede

Fangen wir an mit einem, den ich lange unterschätzt habe: Als die Köln 99ers Frank de Goede unter Vertrag nahmen, dachte ich mir „aha“ – und nicht viel mehr. de Goede ist in meinen Augen „schon immer da gewesen“, eine meiner ersten Erinnerungen im internationalen Rollstuhlbasketball ist der Mann mit den winzigen Füßen, dessen Job grob gesagt früher immer war, schnell zu fahren. Und heute? Guckt Euch heute mal die Statsline von Frank de Goede an – er macht für Köln alles und in Top-Qualität. Für mich die (Wieder-)Entdeckung der Saison.

Dann kommen drei, die verschiedene Definitionen einer Spielrolle vertreten: Die Lowpointer Abdi Jama, Chad Jassmann und Björn Lohmann. Jama ist einfach der Hammer – sein Spiel sieht egoistisch aus, aber er ist enorm produktiv. Und wer selbst so scort, kann Hilfe fordern statt zu geben. „Ich seal’ doch nicht“, soll ein bekannter Nationalspieler und 96-Fan mal gesagt haben, das könnte auch zu Jama passen. Jassmann ist ein ganz anderer Typ: Schnell, bissig, Anführertyp, nicht so komplett wie Jama, was den Wurf angeht, aber dafür mit echten Spielmacherqualitäten. Die Einstellung und die Power, die er mitbringt, sind ohne gleichen – eigentlich ein Spieler, den man mit Geld überschütten will, um ihn ins Team zu bekommen. Und schließlich das Bekenntnis: Ich bin ein unheilbarer Lohmann-Fan: Björn ist ein rollendes Lehrbuch für das Lowpoint-Spiel im Rollstuhlbasketball – mit seinem Verhalten auf dem Platz kann man einen Videoabend füllen. Werfen kann er auch, und ein guter Typ ist er sowieso.

Was viele von Euch vielleicht gar nicht so im Auge haben werden, dass es in der 2. Bundesliga einige richtig gute Rollstuhlbasketballer gibt. Ich weiß, einige werden sich jetzt die Haare raufen, aber einer dieser Typen ist Sebastian Spitznagel von den Rolling Devils. Wer ihn von früher kennt, hat einen talentierten Spielern mit unglaublicher Physis vor Augen, der auf dem Feld abgeht wie der junge Rasheed Wallace und sich so selbst im Weg steht. Der aufbrausende Berserker ist aber zu einem wirklich feinen Kerl gereift, was seinen Wert als Spieler potenziert: Spitznagel ist ohne Zweifel der beste Coast-to-Coast-Passer Deutschlands, kann unter größtem Druck hochprozentig scoren und ist in jeder Hinsicht der Anker für seine Mannschaft. Chapeau!

Nationalspieler Björn Lohmann

Nationalspieler Björn Lohmann

Im Norden spielt Jens Wibbelt für die Baskets Rahden – für viele einfach nur ein „ewiger Zweitligaspieler – Punkt“. Ich habe ihn mal scherzhaft den „besten Hobbybasketballer Europas“ genannt: Für Teams, bei denen er sich wohlfühlt und wo er seine Rolle kennt, ruft Jens Leistungen ab, die absolute Profi-Qualität haben. Bei der Nationalmannschaft und beim RSV Lahn-Dill hat es zum „Durchbruch“ nicht erreicht. Aber irgendwie denke ich heute: Was der Typ für seine jeweiligen Teams in Warendorff und heute in Rahden leistet, ist noch viel wichtiger: Er ist die Schnittstelle zum Nachwuchs und „dem Unterbau“ des Profisports – er führt leistungsorientierte Amateurteams mit gigantischem Scoring und Traumpässen, als Vorbild und Mannschaftskapitän.

Nur ein Wort zum „one to watch“: Tristan Ademes, 12 Jahre, der für die Rhine River Rhinos und die Skywheelers Youngsters startet. Guckt Euch den Typen, und dann seine Scores, und dann reibt ihr Euch die Augen. Außer Konkurrenz läuft in dieser Rubrik Kai Gerlach – weil ich ihn trainiere und daher nicht neutral bin. Nur so viel: Ohne Länderspiel, ohne internationale Startberechtigung ist Kai trotzdem weltweit bekannt und anerkannt als Rollstuhlbasketballer. Fassen wir’s kurz: Er IST Rollstuhlbasketball in Theorie und Praxis.

Kommen wir zu den guten Vorsätzen: Irgendwann, am besten schon nächstes Jahr, wollt ihr bestimmt auch unter den „All-Star-Seven“ dieser Kolumne stehen, oder? Damit 2014 alles gut oder sogar noch besser wird, habe ich vier Tipps für Euch:

Investiert Zeit in jedes Detail. Passen, fangen, dribbeln sind keine Pflichtübungen, sie sind das Herz des Spiels. Nehmt Euch die Zeit, diese Dinge exakt zu machen, denn dann beginnen sie Spaß zu machen. Jeden Tag 5-10 Minuten mit dem Ball beschäftigen, ohne auf einen Korb zu ballern, bringt Euch so viel.

Arbeitet an den Grundlagen. Das schließt sich an das Gesagte an. Ein Korbleger, ein Block – das sind Sachen, die im Spiel nicht zu 80% passen müssen, sondern zu 100%. Wenn’s nicht klappt, nutzt jede freie Minute und jede Gelegenheit, um daran zu arbeiten. Haltet Eure Arme und den Oberkörper fit. Und das bedeutet gerade nicht, wie irrsinnig Maximalkraft zu trainieren. Natürlich müsst ihr in Ausdauer und Athletik investieren, klarer Fall, aber viele „Amateure“ vergessen gerne die Antagonisten der trainierten Muskulatur, und ein Ausgleichssport ist nicht nur für die Alltags-Rollstuhlfahrer ratsam. Die Arme müssen in unserem Sport alles machen, und die „echten“ Rollstuhlfahrer ein Leben lang bewegen – geht pfleglich und bewusst mit ihnen um.

Und Nummer vier nimmt das Mantra von der letzten Kolumne wieder auf: „do things with a purpose“, hatte ich da gesagt, und das solltet ihr auch im Training stets vor Augen haben: Setzt Euch ambitionierte, aber erreichbare Ziele. Alles, was ihr könnt, lässt sich noch besser machen, und wenn Euch partout nichts einfällt, was ihr an Eurem Spiel besser machen könnt: Über Weihnachten nicht zunehmen – das wäre schon mal ein Anfang 😉

Euch allen schöne Weihnachten, das war’s für 2013, wir lesen uns im neuen Jahr wieder – gemütlich mit einem genaueren Blick auf den Rollstuhl. Und wie immer: Nutzt die Kommentarspalte oder Facebook, wenn Ihr Fragen oder Themenwünsche habt.

 


Daniel Stange ist Rollstuhlbasketballer seit 1998. Zu seinen Stationen zählen der RSV Lahn-Dill und die SG/MTV Braunschweig. Der C-Lizenz-Trainer war u.a. hospitierendes Mitglied im Coaching Staff der Herren-Nationalmannschaft für die EM 2011 sowie Assistenztrainer für die Herren-Nationalmannschaft 2013. Schwerpunktthemen: Spielanalyse, Videoanalyse und Scouting. Im normalen leben ist Daniel Stange Historiker und freiberuflicher Journalist. Für Rollt. bloggt er in der Kategorie “Pick and Rollt.” %CODE1%

 

 

 

 

 

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