Interview mit Nicolai Zeltinger: “Letztendlich entscheidet mein Arbeitgeber darüber, ob ich weiter Bundestrainer bleibe.”

Die deutschem Herren sind mit einem enttäuschenden 8. Platz von der Rollstuhlbasketball-Weltmeisterschaft in Dubai nach Hause zurückgekehrt. Wir haben die Möglichkeit genutzt, Fragen der Fans zu sammeln. Diese haben wir – zusammen mit unseren Fragen –  Bundestrainer Nicolai Zeltinger zukommen lassen. Was die Fans wissen wollten und was der Herren-Trainer geantwortet hat, haben wir für euch zusammengetragen.

 

Denny: Was hat deine WM-Analyse ergeben? Zu welchen Erkenntnissen bist du resp. seid ihr im Trainerteam gekommen?

Die Aufarbeitung der WM hat bereits in Dubai begonnen, aber ist natürlich bei weitem noch nicht abgeschlossen. Wir sind mit dem Viertelfinal-Aus nicht zufrieden und arbeiten auf, woran es gelegen hat. Bei einer 2-Punkte-Niederlage gegen ein sehr starkes Iran und der Chance, das Spiel mit einem letzten Wurf auszugleichen, halten wir dennoch daran fest, dass nicht alles falsch gelaufen ist. Während des Spiels sind dennoch sicherlich 10 Punkte in Offense und Defense liegen geblieben, die wir hätten einfahren müssen. Diese werden wir nun videotechnisch und sportpsychologisch aufarbeiten und unsere Schlüsse daraus ziehen. Wichig ist für uns immer, dass wir uns weiterentwickeln.

 

Denny: Ich würde gerne wissen, welche Änderungen es im Kader in Hinblick auf die EM geben wird?

Der Kader wird für die EM der gleich sein, wie für die WM.

 

Boris: Wie möchtest du das Herrenteam auf mentaler Ebene besser machen, um in der K.o-Runde zuküntig ab dem Hochball voll bzw. noch fokussierter zu sein?

Vielfältig stark ist ein Teil unserer selbst definierten Identität. Wir haben den Sommer über viel im mentalen Bereich gearbeitet. Aber sicherlich können wir noch mehr Verantwortung und Druck
innerhalb der Mannschaft verteilen, um einzelne Spieler etwas zu entlasten.

 

Boris: Da die Nationalmannschaft das höchstmögliche Leistungslevel für deutsche Spieler ist, möchte ich wissen, ob das auch den Trainerstab inkludiert. Und ob bei verfehlten Zielsetzungen z. B. keine Medaille bei der anstehenden EM oder die mögliche Nicht-Qualifikation für die Paralympics 2024, einen Rücktritt des Trainerteams als mögliche Konsequenz beinhaltet?

Wir als Trainer versuchen zu beurteilen, ob wir einen guten Job gemacht haben und die Mannschaft in die Situation versetzt haben, erfolgreich zu sein. Dazu müssen wir alle Faktoren betrachten. Leider fallen auch Faktoren ins Gewicht, die Spieler und Trainer nicht unter Kontrolle haben, die verhindern, ein Ergebnis zu erreichen. Darüber hinaus ist mir wichtig, ob die Spieler uns vertrauen und dass sie daran glauben, die gemeinsam gesteckten Ziele mit uns zu erreichen. Von daher sind wir meines Erachtens sehr selbstkritisch. Letztendlich entscheidet mein Arbeitgeber darüber, ob ich weiter Bundestrainer bleibe.

 

Rollt. (Martin): Wie siehst du die Qualität der Mannschaft im internaionalen Vergleich? Kannst du das bitte kurz beschreiben.

Ich denke, dass wir ein Team sind, dass das Potenzial hat, zu den besten vier Mannschaften der Welt zu gehören. Jedoch heißt Potenzial leider nicht, dass dieses automatisch zu jederzeit abgerufen
werden kann. Hier spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle, die teils auch nicht immer kontrolliert werden können. Beispielsweise können Verletzungen, Krankheiten oder andere externe Faktoren viel Auswirkung darauf haben, welches Ergebnis am Ende herauskommt. Obwohl das Potenzial vorhanden ist.

 

Maik: Wieso gebt ihr den jungen Spielern keine Chance, sich zu zeigen? Auch die Youngsters können spielen.

Die Entwicklung junger Spieler hat für uns einen hohen Stellenwert. Dies zeigt sich darin, dass wir unser System der Vorbereitung im Vorfeld verändert haben und den erweiterten Kader mit hochkarätigen Talenten auch zur direkten Wettkampfvorbereitung einladen, um sie an das Level, die Kultur und die körperlichen Anforderungen heranzuführen. Gleichzeitig heißt fördern aber auch nicht überfordern. Wir müssen also eine Balance dafür finden, wie sie mit den Herausforderungen neben und auf dem Feld bei einer derartigen Meisterschaft umgehen lernen. Somit versuchen wir gezielt Spielanteile zu geben, um so einen Anpassungsprozess zu fördern. So hat Julian Lammering (19 Jahre) in drei Spielen fast 15 Minuten Spielzeit im Schnitt gehabt und starke 7ppg erzielt. Ähnliches gilt für Lukas Gloßner (23 Jahre), der ebenfalls erstmalig bei der WM dabei war und Zeit zur Orientierung benötigt. Wie es funktionieren kann, zeigt Tobi Hell (23 Jahre), der bereits Leistungsträger der Nationalmannschaft und fester Bestandteil ist. Wir stehen in sehr engem Kontakt mit unseren U19- und U22-Nationalmannschaften, um so der nächsten Generation von Spielern den Weg zu ebnen.

 

Philipp: Worin liegt die hohe Spielzeit eines Thomas Böhme begründet, insbesondere in Partien, in denen seine Würfe nicht fallen und er auch keine Gefahr und Playmaker-Qualitäten auszustrahlen scheint? (Frage wurde angepasst, Anm. d. Red.)

Thomas Böhme ist einer der vollständigsten Rollstuhlbasketballer in unserem Team. Er ist neben Jens Albrecht der beste Verteidiger, den wir in unseren Reihen haben und mit Abstand der beste Assistgeber. Dabei gibt uns Tommy aber nicht nur Dinge, die im Statistikbogen auftauchen. Tommy verändert die Art und Weise, wie Mannschaften gegen uns spielen. Und das gilt für uns immer wieder abzuwägen. Wenn wir uns anschauen, wie gegnerische Teams ihn verteidigen sehen wir wie viel Gefahr er ausstrahlt. Trotzdem hat er in manchen Begegnungen mit Sicherheit mit seinem Schuss gehadert. Eine Konsequenz ist sicherlich ihn wurftechnisch von Spielern wie Nico Dreimüller, Jan Haller, Jens Albrecht und Jan Sadler mehr Unterstützung zukommen zu lassen.

 

Rollt. (Martin): Ich zitiere mit einem Schmunzeln und einem Augenzwinkern die Pressemeldung nach der Niederlage gegen Australien: „Es (das Spiel um Platz sieben, Anm. d. Red.) war ein Spiegelbild eines Turniers, in dem das Glück selten auf Seiten der deutschen Auswahl zu finden war.“ Entschuldige meine unterschwellige Ironie: Wenn das Glück laut Sprachgebrauch mit dem Tüchtigen ist, wie würdest du dann eure Leistung während der WM beschreiben?

Ich schreibe nicht unsere Pressemitteilungen. Wenn Du fragst, ob wir tüchtig waren, würde ich dies mit ja beantworten. Darüber hinaus gehört es zu meinen Aufgaben, ein Spiel und das Ergebnis zu analysieren. Und ein Ergebnis setzt sich aus einer Vielzahl von Faktoren zusammen. Zum einen Faktoren, die wir als Mannschaft und Trainer kontrollieren. Dazu gehört beispielsweise unsere Einstellung, der Umgang mit Situationen und die Taktik. Leider vergessen Außenstehende, dass zu einem Ergebnis leider auch andere Faktoren dazugehören, die mit betrachtet werden müssen und oftmals nicht unerheblichen Einfluss auf das Ergebnis nehmen. Diese Faktoren stehen dann leider nicht unter direkter Kontrolle. Dazu gehören unter anderem Gegner, Gesundheit von Spielern, Schiedsrichter und auch der Zufall. Wir wollen mit unserer Arbeit diese Faktoren so klein wie möglich halten, diese lassen sich aber nicht ausschalten. Unsere Aufgabe ist demnach zu analysieren, wo die Ursache für ein Ergebnis lag und daraus Schlüsse zu ziehen.

 

Rollt. (Martin): Hand aufs Herz: Gab es Entscheidungen, die du – im Nachgang und ein wenig Abstand zur WM – anders getroffen hättest?

Bei der Beurteilung von Entscheidungen ist es natürlich wichtig zu berücksichtigen, dass die Entscheidung im Vorhinein getroffen werden musste. So gibt es natürlich im Nachhinein immer etwas, was man anders hätte machen können. Bevor wir Entscheidungen treffen, beraten wir uns je nach Bedeutung sehr intensiv. Das kann im Trainerteam sein, im Staffmeeting oder auch mit den Spielern, die unter anderem über den Spielerrat ein Mitspracherecht haben. Aber natürlich treffe ich als Hauptverantwortlicher die Entscheidung. Ob ich Rückblickend vor der oder während der WM eine große Entscheidung hätte, anders treffen sollen? Ich denke nicht. Aber sicherlich gab es einiges aus dem wir lernen oder bereits gelernt haben, so dass wir auch in Zukunft Dinge anpassen werden.

 

Rollt. (Martin): Wie sehen die kommenden Wochen für den „Menschen“ Nicolai Zeltinger aus. Wie verarbeitest du diese WM mental und emotional?

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass das Viertelfinal-Aus absolut herzzerreißend für uns war. Wir haben dort so viel Energie und Leidenschaft reingelegt, dass das schwer zu verdauen war. Man merkt aber auch wie stark und groß dieses Team ist, wenn man sieht, wie damit umgegangen wird. Wir pflegen einen offene, ehrliche und respektvolle interne Kritikfähigkeit. Jeder darf jedem deutlich sagen, was er von Aktionen oder Entscheidungen hält. Dieser offene Umgang hilft auch mir, wenngleich das  Ergebnis für uns und die Öffentlichkeit nicht das ist, was erhofft wurde.
Wir haben nicht viel Zeit durchzuschnaufen. Die DMJ steht vor der Tür und wir haben den Spielern zwei Wochen gegeben, wo sie sich lediglich körperlich fit halten müssen, aber den Ball und den
Sportrollstuhl zur Seite stellen können.

 

Rollt. (Martin): Das größte Learning für dich bei der WM war …

…wie brutal es im Sport sein kann. Ein Korb entscheidet manchmal darüber, ob man den größten Erfolg feiern darf oder Enttäuschung erlebt.

 

Fragen & Textsammlung: Martin Schenk | Foto: Patrick Harazim

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