Homestory: Anna Teubner – „Ich bin eine bessere Schiedsrichterin …“

Aktive Spielerin, Trainerin, Schiedsrichterin, Kampfrichterin – Anna Teubner (37) hat in den vergangenen Jahrzehnten alle Seiten des Rollstuhl- und Fußgängerbasketballs kennengelernt. Ein Leben ohne ihren geliebten Sport? Das kann sie sich heute nicht mehr vorstellen – dabei war das mal ganz anders.

Kleine Schneeflocken fallen auf meine Brillengläser, als ich durch die kleine Toreinfahrt laufe, die zu Anna Teubners Haustür führt. Mitten in Gießen hat sie vor rund elf Jahren ihre neue Heimat gefunden und mich nun zu sich nachhause eingeladen, um mir in ihren „vier Wänden, meinem Wohlfühlort“ einen Einblick in ihre Basketball-Reise zu geben. In lockerer Trainingshose und einem schwarzen Hoodie mit Flaggen bedruckt – einem Erinnerungsstück an die European Para Championships 2023 in Rotterdam – empfängt mich die 1,86 Meter große Anna schließlich an der Tür und schon auf den ersten Blick wird klar: Hier steht eine Basketball-Begeisterte vor mir.

Mein erster Eindruck täuscht nicht. Im Flur stehen zahlreiche Sportschuhe. „Davon kann man nicht genügend haben“, kommentiert Anna lachend. Ein Basketball liegt auf der Garderobe. In ihrem gemütlichen Wohnzimmer, dass ihr außerdem als Homeoffice-Platz dient, hat sie sich über die Jahre sogar einen kleinen Basketball-Schrein errichtet. „Sieht man, dass ich diesen Sport liebe?“, fragt sie schmunzelnd, als sie meinen neugierigen Blick sieht. Ein altes Trikot hängt an der Wand, zahlreiche Anstecknadeln, kleine Pokale sowie ein WM-Ball von 2018 zieren die Anrichte. An der Wand hängen einzelne Fotos, die Ausschnitte ihrer Karriere abbilden. Anna hat sich nebenberuflich dem Basketball verschrieben. „Ohne ihn würde mir was fehlen“, verrät sie, als wir es uns mit Kaffee und Schokolade auf der Couch bequem machen. Dabei war das nicht immer so.

Eine Schwärmerei bringt sie zum Basketball

„In der Grundschule habe ich angefangen, Tischtennis zu spielen. Ich stamme aus einer Sportlerfamilie, da war es Tradition, sowohl eine Sportart zu machen als auch ein Instrument zu erlernen“, verrät Anna, die in Jena aufgewachsen ist, und fügt an: „Meine Mutter hatte mir aufgrund meiner Größe mehrfach den Basketball schmackhaft machen wollen. Aber ganz ehrlich? Den fand ich früher immer so richtig doof.“ Also eben Tischtennis. Mit dem Wechsel aufs Gymnasium hört sie jedoch auf – und ihre Mutter bringt nochmal den Basketball ins Spiel. „Zur gleichen Zeit wurde bei uns an der Schule eine Basketball-AG etabliert, die von dem älteren Bruder einer Freundin geleitet wurde, der zuvor in den USA spielte. Und zugegeben: Den fand ich schon ziemlich süß. Und als junges Mädchen meldest du dich dann eben an, auch, wenn du den Sport eigentlich total doof findest“, erinnert sich Anna lachend.

Ihre Ablehnung für den Basketball schwindet allerdings schnell – nicht nur aufgrund ihres Schwarms. „Der Basketball wurde zu meinem Safespace. Weder die Schulnoten noch meine Größe haben eine Rolle gespielt. Wir hatten alle die gleiche Leidenschaft. Das hat uns verbunden und einen Freundeskreis entstehen lassen.“ Anna bleibt dabei und wird immer besser. Im Alter von 15 Jahren schafft sie es sogar in die Thüringen-Auswahl. „Für mich gab es nichts anderes mehr. Von Freitag bis Sonntagabend haben mich meine Eltern kaum bis gar nicht zu Gesicht bekommen, weil ich mit meinen Freunden immer in irgendeiner Halle abhing“, erzählt die heute 37-Jährige.

Erst Schiedsrichterin, dann Trainerin

So wächst in ihr der Wunsch, eine Trainerlizenz zu machen, um später mal auf der anderen Seite des Teams zu stehen. „Dazu brauchte ich jedoch einen Schiedsrichter-Schein. Und so habe ich mit 15 angefangen beim TuS Jena zu pfeifen“, erinnert sich die gebürtige Jenaerin und fügt an: „Das hat schnell angefangen, mir großen Spaß zu machen.“ Und so pfeift und spielt sie von nun an parallel. Ein Vorteil, wie sie findet: „So kennt man beide Seiten, kann beispielsweise Entscheidungen des Schiris nachempfinden.“

Irgendwann bekommt sie ein Angebot aus der zweiten Liga vom BiG Gotha. Wann? „Moment, da muss ich mal nachschauen. Ich hebe ja alles auf, das entsprechende Saisonheft finde ich sicherlich“, sagt sie lachend, als sie sich von der Couch erhebt und in ihrer „Basketball-Ecke“ verschwindet. „Das war die Saison 2008/09“, sagt sie, während sie gedankenverloren durch alte Erinnerungen blättert und lächelt. „Aber ehrlicherweise saß ich mehr auf der Bank, als dass ich gespielt habe“, sagt Anna. „Ich war nie eine besonders auffallend gute Spielerin. Ich habe es ausschließlich aus Spaß gemacht.“


 

Anna Teubner im Gespräch mit Schiedsrichter-Kollege Marcus Jach – Foto: Gero Müller-Laschet


Das verflixte Knie

Zu dieser Zeit studiert sie Kommunikationswissenschaften in Leipzig und pendelt. „Das war natürlich ein enormer Zeitaufwand. Und dafür, dass ich kaum gespielt habe, lohnte es sich einfach nicht mehr, sodass ich nach einem halben Jahr aufgehört habe – sowohl mit dem Zweitliga-Basketball als auch dem Studium“, fügt sie grinsend an. Stattdessen beginnt sie eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau – und entdeckt den Rollstuhlbasketball für sich. Denn: Schon früh hat sie Probleme mit ihrem rechten Knie und bekommt von ihrer Ärztin eine klare Warnung: „Sie sagte, wenn ich so weiter mache, könne ich mich mit dreißig auf künstliche Knie einstellen“, erinnert sich Anna.

Die Rolli-Version ihres Lieblingssports stellt eine gute Möglichkeit dar, dem Basketball treu zu bleiben. So ist sie beim Aufbau der Jenaer Rolli-Mannschaft mit dabei, packt stets an und setzt sich irgendwann selbst mal in den Rollstuhl. „Mein damaliger Partner hat dort gespielt, ich war bei Spielen sowieso immer dabei und habe geholfen“, erinnert sie sich zurück und schmunzelt, als sie an ihre ersten Versuche im Rolli denkt: „Das sah verdammt lächerlich aus. Für mich war das ja ein komplett neues Gefühl und die anderen Spieler haben sich stets einen Spaß draus gemacht, mich aus dem Stuhl segeln zu lassen“, erzählt sie. „Irgendwann ging es aber bergauf und ich hatte großen Spaß dabei.“

Auf zu neuen Ufern – oder Aufgaben

Mit ihrem Umzug 2013 nach Gießen und einer beruflichen Veränderung – „Ich bin bei der Deutschen Bahn gelandet und arbeite in der internen Unternehmensberatung sowie Kommunikation und Marketing“ – schließt sie sich dem RSV Lahn-Dill an und spielt in der zweiten Mannschaft. Dem Pfeifen ist sie weiterhin treu geblieben, ist mittlerweile immer höherklassiger im Einsatz und hat ihrem vollen Terminkalender lediglich den Besuch von Heimspielen der ersten RSV-Garde hinzugefügt.

Dort trifft sie auf einen Schiedsrichter-Kollegen, der auf der Suche nach neuen Referees ist. „Er meinte ,Hier hast du eine Pfeife, du kennst die Regeln, also mach mal’“, erinnert sich Anna zurück und grinst auf ihrem Sofa sitzend, als sie an dieses Gespräch zurückdenkt, das ihr 2013 den Weg zu neuem Terrain ebnet. „Irgendwann musste ich mich jedoch entscheiden: Spiele ich weiter oder widme ich mich ganz der Schiedsrichterei? Beides auf einmal war zu zeitintensiv.“ Die heute 37-Jährige entscheidet sich für zweiteres, denn: „Ich bin eine bessere Schiedsrichterin als Spielerin“, sagt sie schmunzelnd.

Karriere als Schiedsrichterin beginnt

Und diese Karriere nimmt nun richtig Fahrt auf: In Frankfurt gehört sie mittlerweile zum festen Team der Kampfrichter im Fußgänger-Basketball, stoppt die Zeit, füllt Spielbögen aus und kümmert sich um die Spielstatistik. „Da ist höchste Konzentration gefragt“, erklärt sie und fügt lächelnd an: „Dafür hat man tolle Plätze in der ersten Reihe.“ Diese Plätze müssen sich jedoch hart erarbeitet werden, wie die 37-Jährige weiß: „In diesem Bereich gibt es nach wie vor wenige Frauen, man wird dementsprechend zu Beginn wenig ernst genommen und muss sich erst einmal unter Beweis stellen, um sich ein gewisses Standing zu erarbeiten.“ Seit 2023 ist sie sogar als Kampfrichterin für die FIBA registriert – und war im vergangenen Jahr bei bereits zwei Euro Qualifikationsspielen mit von der Partie. „Das ist natürlich eine nochmal andere Atmosphäre als bei einem ,normalen’ Spiel. Es dürfen keine Fehler unterlaufen, jeder ist vollkommen fokussiert“, weiß Anna.

Während sie also beim Fußgänger-Basketball am Tisch sitzt, hält sie beim Rollstuhlbasketball die Pfeife in der Hand – und hat bereits einiges erlebt. Ihr bisheriges Highlight? „Die Weltmeisterschaft 2018 in Hamburg“, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen und mit leuchtenden Augen. „Wir haben zwei Wochen lang in einer richtigen Blase gelebt, die aus Spielen, Essen und der Gemeinschaft mit den Kollegen bestanden hat. Wir haben praktisch nach Spielplan gelebt – und das war nicht nur super anstrengend, sondern auch einfach verdammt cool.“ Vor allem die Gemeinschaft war es, die Anna beim Basketball gehalten hat – und die ihr noch heute ein besonderes Gefühl gibt. „Vor allem, wenn man auf Turnieren unterwegs ist, verlebt man alles gemeinsam und ist für einen kurzen Zeitraum wie eine kleine Familie.“

Das Leben abseits des Feldes

Der Basketball mit all seinen Aufgaben ist für Anna mittlerweile zu einem zweiten Job geworden. Doch sie bekommt nie genug davon. Seit 2024 ist sie sogar als Schiedsrichter-Coach tätig, auch im Verband engagiert sie sich. „Ich habe keine Familie, einen sehr flexiblen Job und eine große Leidenschaft. Dadurch kann ich viel unterwegs sein.“ Alle zwei Wochenenden ist sie in der Regel on Tour, denn „vom Wochenende bleibt nicht mehr viel. Da genieße ich es, auch mal zwei Tage nur für mich zu haben“. Zum Ball selbst greift sie nur noch selten, „ab und zu juckt es mich dann aber schon in den Fingern, und wenn dann mal ein Ball angerollt kommt, muss ich ihn einfach auf den Korb werfen.“

Ganz so doof, wie Basketball für die junge Anna war, ist der Sport für sie mittlerweile also nicht mehr, wie sie augenzwinkernd verrät. Umso mehr ist es ihr eine Herzensangelegenheit, sich im Verband zu engagieren und ihren Sport voranzutreiben. „Die Popularität von Rollstuhlbasketball nimmt stetig zu. Vor allem die Paralympics in Paris und der Bronze-Sieg unserer Männer hat dem Sport einen großen Dienst erwiesen. Jetzt gilt es, das zu nutzen und nicht zu verpennen.“

Zwischen Legofiguren und Basketball-Erinnerungen

Als Beispiel nennt sie hier die Sponsorensuche in großen Städten, die bestimmt sind von anderen Sportarten wie Fußball und Handball. „Da setze ich mich auch gerne mal hin und arbeite daran, unseren Sport auf stabile Beine zu stellen“, verrät Anna. Und das am liebsten an ihrem Schreibtisch im Wohnzimmer, umgeben von Legofiguren, Büchern, Basketball-Erinnerungen und „dem teuersten Stück in meinem Zuhause“, dem schwarzen E-Piano, an dem sie abends gerne mal in die Tasten haut. „Meine Wohnung ist meine Erinnerungskiste. Hier fühle mich unfassbar wohl, genauso wie auf dem Basketballfeld. Und beides werde ich so schnell nicht verlassen.“

Text: Celina Lorei, erschienen in Rollt.-Ausgabe #40 (März 2025) | Fotos: Franziska Möller (Headerfoto) & Gero Müller-Laschet (Foto im Artikel)

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