Interview mit Joey Johnson: “Ich freue mich schon sehr und kann es kaum erwarten, alle meine deutschen Freunde zu treffen.“

Joey Johnson, ein alter „RBBL-Bekannter“, hat seine aktive Rollstuhlbasketball-Karriere 2012 beendet. Ihr möchtet wissen, was er seitdem so getrieben hat? Kein Problem. Im Interview mit Annika Aul hat  uns der Familienvater etwas über seine Karriere als Assistant Coach in England und in Kanada, seine schönsten Rollstuhlbasketball-Momente  sowie seine nicht mehr vorhandenen Sportrollstühle erzählt.

Joey, nach deiner Karriere als aktiver Rollstuhlbasketball-Spieler hast du als Assistant Coach bei der britischen Nationalmannschaft angeheuert. Was war ausschlaggebend dafür, dass du den Job bei der GBWBA angenommen hast?

Nachdem ich 2012 meine Karriere beendet hatte, bin ich zurück nach Kanada gegangen und habe dort knapp vier Jahre lang im Vertrieb gearbeitet. Es war recht spät im Jahr 2015, als der britische Verband bei mir anklopfte. Sie brauchten einen Assistent Coach. Und ich war just zu der Zeit dabei, mich wieder im Basketball zu engagieren. Es hat also alles gepasst.

Hast du eigentlich vorher schon andere Teams gecoacht?

Ich habe vorher schon Mannschaften gecoacht, allerdings war das eher in der Funktion des Spielertrainers oder auch als spielender Co-Trainer. Mit dem Team GB war es aber das erste Mal, dass ich wirklich an der Seitenlinie sitzen  und mir das Spiel von dort aus angesehen konnte. Es ist eine andere Perspektive und es kommen andere Herausforderungen auf einen zu.

Im September 2017 hast du als Co-Trainer aufgehört. Was hast du seitdem gemacht?

Ich habe mit dem Team GB im September aufgehört, weil ich einmal im Monat buchstäblich zwischen Kanada und dem Team hin- und hergependelt bin. Großbritannien ist zu einem zentralisierten Programm übergegangen, in dem die meisten Athleten an einem Ort zusammenkommen. Ich wurde gefragt, ob ich nach Sheffield ziehen würden, um dort Vollzeit zu coachen. Aber mit meiner Familie, den schulpflichtigen Kindern, der Karriere meine Frau, war es einfach nicht die richtige Zeit.

Wie ging’s weiter?

Nachdem ich ein paar Monate pausiert hatte, rief mich das kanadische Team an und fragte, ob ich bei deren Programm mitwirken möchte. So kam ich zu meiner aktuellen Stelle als Co-Trainer der kanadischen Männermannschaft.

Du hast an fünf Paralympischen Spielen und vier Weltmeisterschaften teilgenommen. Was war der beste und schönste Moment für dich bei diesen Turnieren oder während dieser Zeit?

Das ist eine schwierige Frage. Ich hatte eine lange und erfolgreiche Karriere, da ist es schwer, nur einen Moment herauszupicken. Meine ersten Spiele 1996 in Atlanta waren bedeutsam, weil es die Premiere war und man die ersten Spiele nur einmal spielen und erleben kann. 2000 in Sydney war großartig, weil wir unsere erste Goldmedaille gewannen. Wir waren ein junges Team und wussten, dass wir noch lange zusammenspielen werden. 2006 in Amsterdam haben wir unseren einzigen Weltmeistertitel geholt, das war auch etwas Besonderes. Und dann muss ich sagen, gehört London 2012 noch ganz oben dazu. Meine letzten Spiele, mein letztes Gold. Und die Spiele an sich waren super. Großartige Zuschauer, die Anstrengungen, Barrieren einzureißen und das Publikum ein Stück weit abzuholen und zu informieren, war phänomenal.

Hast du komplett aufgehört, Basketball zu spielen? Oder spielst du noch um Spaß zu haben oder für deine Fitness? Denkst du ein Come-back auf den Court ist möglich?

Ich habe komplett aufgehört. Es war irgendwie nicht beabsichtigt, aber ich besitze aktuell gar keinen Sportrollstuhl mehr. 2013 wurde ich in die Manitoba Basketball Hall of Fame aufgenommen und habe einen meiner Stühle zur Verfügung gestellt. Ein paar Jahre später wurde ich dann noch in die Manitoba Sports Hall of Fame aufgenommen und habe meinen anderen Stuhl gestiftet Seit 2013 habe ich in keinem Stuhl mehr gesessen. Eines Tages werde ich vielleicht wieder auf den Court rollen, um etwas Spaß zu haben.

Du hast mehrere Jahre für den RSV Lahn-Dill in Deutschland gespielt. Folgst du noch den Geschehnissen in der deutschen Liga? Was denkst du über die Entwicklung der Liga?

Ich verfolge die Liga noch. Ich denke, es ist eine der besten Ligen in der Welt, und ich habe dort immer noch viele Freunde, die in der RBBL spielen. Ich denke, dass es großartig ist, dass immer mehr Teams dem Beispiel des RSV Lahn-Dill gefolgt sind und mehr professionelle Spieler holen. Je konkurrenzfähiger die Liga ist, umso besser werden die Spieler – und umso spannender wird es, Basketballspiele zu verfolgen


 

 


Die Weltmeisterschaft wird dieses Jahr in Hamburg stattfinden. Was denkst du, werden die besten drei Damen und Herren Teams sein? 

Eine weitere schwierige Frage. Es sieht so aus, dass sowohl bei den Herren als auch bei den Damen, die Teams immer besser werden. Bei den Damen muss man einfach die Holländerinnen mögen. Die Deutschen haben bei der letzten Europameisterschaft mit einem jungen Team fantastisch gespielt. Die Amerikanerinnen sind nicht ausrechenbar, und natürlich wird mein Herz immer für Kanada schlagen

Bei den Herren ist meiner Meinung nach die Dichte so eng wie nie zuvor. Die Amerikaner kommen, mit der Goldmedaille aus Rio im Gepäck, als Favoriten angereist. Die Türken als amtierender Europameister haben ebenfalls ein gutes Team. Es gibt noch viele andere wie Australien, Japan, GB, Spanien. Es ist sehr schwer einzuschätzen.

Was wird für die deutschen Teams deiner Ansicht nach drin sein?

Ich denke, dass Deutschland ein gutes Team hat. Sie haben einen der besten Großen im Spiel mit Halouski. Und mit Böhme einen der besten Guards. Ich denke, sie werden sich gut anstellen bei der Weltmeisterschaft, insbesondere da sie zu Hause spielen. Sie werden wahrscheinlich enttäuscht sein, wenn sie es nicht unter die Top 5 schaffen. Und wenn du einmal das Viertelfinale erreicht hast, brauchst du nur noch drei Siege …

Und die Kanadier?

Das kanadische Team befindet sich einer Übergangsphase. Wir haben noch einige gute erfahrene Spieler mit Bo Hedges und David Eng, aber wir haben insgesamt ein sehr junges Team mit vielen jungen Spielern. Mit dem Comeback von Patrick Anderson ist allerdings alles möglich.

Noch eine letzte Frage: Du hast bereits erzählt, dass du jetzt der neue Co-Trainer des kanadischen Herren Teams bist. Wirst du dein Team nach Deutschland begleiten?

Ich werde da sein. Ich freue mich schon sehr und kann es kaum erwarten, alle meine deutschen Freunde zu treffen.

Joey, vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg bei der Weltmeisterschaft!

Ich hab zu danken.

 

Interview: Annika Aul | Foto: Armin Diekmann

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