Pick and Rollt. #15: „My bad, my bad!“ – Warum Reden zur richtigen Zeit das Jammern ersparen kann

Ihr kennt das sicher: Ohne jede Not schlägt es völlig unerwartet hinter Euch ein, und irgendwer erklärt sich spontan schuldig: „Meiner!“ Oder englisch: „My bad!“ Interessant eigentlich: Zum Schuldbekenntnis kann fast jeder den Mund aufmachen – warum eigentlich nicht, um Hilfe anzufordern?

Wir sind wieder mal in der Rubrik „Standardsprüche von Trainern“. Heute: „Redet mal mehr!“ Man hört ihn besonders gerne in Auszeiten, und jeder schaut dann betroffen auf den Boden und nimmt sich vor, sich daran zu halten. Und dann: nichts zu hören. Wieder einmal.

Warum eigentlich nicht? Für mich gibt es zwei Aspekte, die mir fast immer begegnen. Den ersten könnte man Hemmung, Verlegenheit und Scham nennen – in verschiedenen Abstufungen. Es beginnt damit, dass so simple Dinge wie defensive Zuordnung ja offensichtlich scheinen: Dass ich die gegnerische Nummer 11 im Blick habe, dass mein Gegenspieler den Ball hat, dass er wirft – das sieht ja jeder. Man muss es nicht sagen, oder? Oder vielleicht doch? Später mehr dazu. Dann kommen Hemmungen dazu, ständig vor sich hin und dabei nicht mit jemandem konkret zu sprechen – diese Schwelle zu dauerhaft zu überwinden, ist gar nicht so leicht. Und schließlich Scham: „Ich habe meine Aufgabe nicht erfüllt“. Meistens ärgert man sich still in sich rein, oder fühlt sich einfach nur als Versager. Und wenn es immer wieder passiert, hofft man darauf, dass alles gut wird, wenn man artig sagt: „Meine Schuld – tut mir leid.“

Der zweite Aspekt ist ein physiologischer: Je mehr man sich anstrengt und damit notwendigerweise angestrengter atmet, desto weniger ist man geneigt zu sprechen, denn Sprechen benötigt die Atmung, um Luft durch den Kehlkopf zu bringen. Kein Problem eigentlich, denn die verbrauchte, C02-reiche „Luft“ muss ja sowieso raus aus der Lunge. Aber eben nicht im Sprechrhythmus. Ich mach’s kurz und schmerzhaft: Je besser trainiert Eure Ausdauerleistung ist, desto leichter werdet ihr auch im Spiel sprechen können. Also: Ausdauer trainieren verbessert die Sprechfähigkeit im Spiel. Und damit zurück zur Psychologie.

 

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Erstens  – und das ist das Wichtigste: Ihr spielt nicht alleine. Und gemeinsam schafft man mehr, als Fünf alleine schaffen können. Reden hat ganz erheblich viel mit einander helfen zu tun, und noch mehr mit der bloßen Chance, helfen zu können. Deswegen gibt es nichts Vernachlässigenswertes in der Kommunikation. Nehmen wir das einfachste Beispiel: Mein Gegenspieler trägt die Nummer 11, ich rufe so, dass es alle vier Mitspieler hören: „Elf“. Damit signalisiere ich der Reihe nach „Ich bin beschäftigt. Ich weiß, wer mein direkter Gegenspieler ist. Es ist die Nummer 11.“ Nun kann ich beobachten und auswerten, was der Spieler so macht: „Ball“ (er hat den Ball), „Pass“ (er passt den Ball), „Pick/Block“ (er stellt einen Block), „Shot/Wurf/Schuss“ (er wirft).

Es klingt so einfach – aber das ist die Essenz, und die muss jeder Spieler auf dem Feld zu jeder Zeit leisten. Wir haben fünf Verteidiger auf dem Feld, und alle fünf stehen mit dem Rücken zum Korb. Die meisten haben stets drei oder vier Angreifer im Rücken. Es gibt nicht, was offensichtlich und vernachlässigbar ist, wenn man etwas von Dingen wissen will, denen man den Rücken zuwendet.

Und damit direkt zu zweitens: Wer nicht rechtzeitig den Mund auf macht, dem wird nicht rechtzeitig geholfen. Jeder macht Fehler, und das Ziel jedes Gegners ist es, die Verteidiger systematisch zu Fehlern oder zumindest Schwächen zu zwingen. Umso wichtiger ist es, Kommunikation spieltaktisch zu nutzen. Ein Größen- oder Klassifizierungsmismatch, eine Unterzahl – das sieht man kommen und merkt: „Scheiße, das könnte ich nicht schaffen“.  Wer jetzt schon sagt: „Ich habe zwei“, „Hilfe“ oder „Mismatch“, der gibt seinen Mitspielern die Chance, zu reagieren. Sie können eine Rotation einleiten, um Hilfe zu bringen, vielleicht besteht die Chance, einen Switch zu spielen und die Gegenspieler zu tauschen. Oder man tut bewusst nichts – denn vielleicht war es ja gewollt, einen starken Spieler zu doppeln und dafür zwei Angreifer mit einem Verteidiger zu spielen. Wie auch immer: Die Mitspieler wissen zumindest frühzeitig, wo die gefährliche Situation entsteht.

Ich kann es nur wiederholen: Jeder macht mal Fehler, und manches kann man auch einfach nicht schaffen. Dafür sind vier andere Mitspieler auf dem Feld, und normalerweise trainiert man auch feste Hilfemechanismen. Man muss nur wissen, wann und wo Hilfe gebraucht wird.

Drittens: Sinnvoll miteinander reden macht als Team stark. Man bekommt das Gefühl, gemeinsam die Sache zu erledigen und alles im Griff zu haben. Und meistens geht damit einher, dass man koordinierter verteidigt. Man kann sich nämlich tausendfach für Fehler entschuldigen oder sich dazu bekennen, trotzdem stehen zwei Punkte für den Gegner auf der Tafel. Und wenn das dreimal in Folge passiert, wird sich jeder denken: „Nicht schon wieder!“ und beim fünften Mal platzt dem Ersten der Kragen und er brüllt rum. Wenn man vorher kommuniziert, gibt man den Mitspielern die Chance zu helfen,  und spätestens beim zweiten oder dritten Mal stellt sich eine gut kommunizierende auf die Situation ein und ihre Aufstellung um.

Übrigens: Kommunikation geht nicht nur in der Defense. „Dann wissen die Gegner doch, was wir vorhaben“, wird jetzt sicher als Einwand kommen. Vielleicht. Die Chancen sind trotzdem gut, dass Euer Plan funktionieren wird. Weil nämlich Eure Mitspieler dann auch wissen, was ihr vorhabt!

 

Daniel-Stange-199x300Daniel Stange ist Rollstuhlbasketballer seit 1998. Zu seinen Stationen zählen der RSV Lahn-Dill und die SG/MTV Braunschweig. Der C-Lizenz-Trainer war u.a. hospitierendes Mitglied im Coaching Staff der Herren-Nationalmannschaft für die EM 2011 sowie Assistenztrainer für die Herren-Nationalmannschaft 2013. Schwerpunktthemen: Spielanalyse, Videoanalyse und Scouting. Im normalen leben ist Daniel Stange Historiker und freiberuflicher Journalist. Für Rollt. bloggt er in der Kategorie “Pick and Rollt.”  %CODE1%

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