Pick and Rollt. #14: Einfach mal die Füße stillhalten – Warum zum besseren Fahren auch das Stehenbleiben gehört

Kopf runter und pushen – das klingt nach dem Weg zum Erfolg. Ohne Zweifel ist es immer gut, schnell und beweglich zu sein. Aber wer immer nur fährt und nie steht, spielt viel zu oft 1-gegen-1 und vergisst, dass man manchmal einfach nur kurz stehen muss, um es viel leichter zu haben. 

Mareike Adermann liest das Spiel
Mareike Adermann liest das Spiel

Wer es noch nicht ohnehin geahnt hat: Wir sind wieder beim „Lesen“ des Spiels. Es braucht sehr viel Routine, alles gleichzeitig im Vollgas-Modus zu erledigen. Und es sind dann natürlich die unerfahreneren Spieler, die immer wieder aufgefordert werden, das Spiel doch besser zu „lesen“. Das wird wenig nützen, wie Euch vor einigen Wochen schon einmal beschrieben hatte. Wer permanent „unterwegs“ ist, wird sich zwar immer wieder (aber mehr oder weniger zufällig) gute Chancen haben, er wird aber auch ebenso viele auf dem Weg dahin vernichten und vor allem die meisten richtig guten gar nicht erst erkennen.

Ich hatte mal proklamiert: „Fahren ist alles“ – stimmt immer noch. Aber es gibt auch eine zweite Maxime: „Im Rollstuhlbasketball braucht alles Platz“. Deswegen ist „Spacing“, also ein bewusster Umgang mit dem Raum auf dem Feld, enorm wichtig. Und wenn alles Spieler ständig intensiv in Bewegung sind, verändern sich die Räume auch permanent. Und da man nicht aus jeder Position und Fahrtrichtung jede beliebige Aktion durchführen kann, hat Bewegung auch immer ihren „Preis“.  Für jeden Cut zum Korb seid ihr auch einmal wieder auf dem Rückweg, wo ihr mit dem Rücken zum Korb und Spielfeld absolut ungefährlich seid. Und wir reden jetzt noch nicht davon, dass man beim ständigen Rumkreisen auch gerne mal die Orientierung und die Spielübersicht verlieren kann

Es gibt gute Gründe, auch mal zu stehen oder zumindest nicht Vollgas zu fahren. Der erste und wichtigste: Es gibt um Euch herum den Rest des Spiels. Jede Eure Aktion sollte einen konkreten Grund und ein Ziel haben. Schaut lieber eine Sekunde länger und versteht, was vor Euch passiert, statt einfach auf „gut Glück“ Eure Energie zu verbrennen. Zweitens – gebt Euren Mitspielern eine Chance, mit Euch zu spielen. Wenn Euch niemand Blöcke stellt, kann das auch daran liegen, dass permanent versucht, Euren Gegner im 1-on-1 auszudribbeln. Der Verteidiger dreht sich dabei ständig mit, und es wird schwer, saubere Blocks an ihm zu setzen. Drittens – wir sollten die Räume clever nutzen. Das Spiel 2-gegen-2 ist eine der effektivsten Kleingruppentaktiken, und sie basiert darauf, dass zwei Spieler GEMEINSAM arbeiten: Sie bringen ihre Gegner so dicht aueinander wie möglich (und öffnen damit Raum auf beiden Seiten des Verteidigerpärchens und machen damit alle Hilfewege weit) – oder sie bringen ihre Gegner so weit auseinander wie möglich, um eine Attacke auf die Schnittstelle zwischen den Verteidigern zu unternehmen.

Mismatches führen oft zu freien Würfen
Mismatches führen oft zu freien Würfen

Die einfachste „2-gegen-2“-Bewegung, bei der beides nacheinander passiert, ist das Kreuzen. Wenn beide Angreifer kreuzen, müssen die Verteidiger ebenfalls kreuzen – einer von beiden muss dabei allerdings den Abstand zum Angreifer vergrößern, um seinem Mitspieler auszuweichen, sonst kracht’s, wenn sich beide begegnen. Einer von beiden muss also absinken, was dem Angreifer einen Vorteil gibt, weil er Raum gewinnt. Deswegen „switchen“ die meisten Verteidiger, und nicht selten steht danach ein hochpunktiger Spieler gegen einen niedrigpunktigen, ein großer Angreifer gegen einen kleinen Verteidiger – ein sogenanntes „Mismatch“ und damit meist sogar einen recht einfachen Wurf aus dem Stand.

Hat man einen guten Werfer auf der Seite, ist es sogar mit noch weniger Fahrerei getan: Wir stellen einfach beide Angreifer auf eine Linie mit dem Korb: Einen Werfer auf der Flügelposition, einen Mitspieler als „Screen“ auf die Linie zwischen den Werfer und den Ring am Zonenrand. Und dann lauern wir auf eine Pick and Roll – Chance. Damit haben wir – ganz ohne Bewegung – zwei gute Ausstiege auf dieser Seite: Bleibt Einen Mitteldistanzwurf, an den kein Verteidiger direkt rankommen kann, ohne in einen Block zu fahren. Will er den Wurf verteidigen, haben wir einen Block, den man im Idealfall bis direkt ans Brett abrollen kann.

Das geht nur, wenn man zunächst mit gutem „Spacing“ steht – und zwar wirklich steht. Zur Grundlinie und zur Mitte muss ausreichend Platz sein zum Abrollen. Der Distanzwerfer muss mehr oder weniger stehen, anspielbar sein und sofort gefährlich werden können. Und der Screener muss seine Position am Zonenrand auf einer Linie zwischen Ring und Werfer halten, bis eine Blockgelegenheit kommt.

Kreuzen als beliebte Methode im 2:2
Kreuzen als beliebte Methode im 2:2

Und jetzt fügen wir pushen und stehen wieder zusammen: Dadurch, dass die eine Seite damit nicht permanent den Weg in die Zone sucht, ist mehr Raum, von der anderen Seite zum Brett zu attackieren. Außerdem sieht der Spieler hinter dem Screen hervorragend, was am Brett passiert und hat zudem freie Bahn zurück, um als „Safety“ gegen einen Fastbreak abzusichern, wenn der Ball verloren gehen sollte. Und dadurch wiederum können die Mitspieler, die zum Korb cutten, kompromissloser attackieren und auch auf einen Offensivrebound spekulieren, da das Rückfeld abgesichert sein sollte. Gelegentlich mal die Füße ruhig halten kann sich also ganz erheblich lohnen.

Ok, und für alle, die sich mit dem Stilblüten-Bingo nicht so auskennen: Natürlich ist der Titel eine alberne Wortspielerei, schließlich kann reichlich die Hälfte aller Rollstuhlbasketballer gar nicht anders als die Füße stillhalten. Wenn Ihr Euch mal vorstellt, wie oft Spieler wie Dirk Köhler oder Felix Schell, Justin Eveson oder Brad Ness „mit einem Bein im Halbfinale“ standen, dann wisst ihr, dass solche Vergleiche hinken – das waren jetzt drei Kalauer in einem Absatz, höchste Zeit, mal Schluss zu machen. Bis zum nächsten Mal!

 

Daniel-Stange-199x300Daniel Stange ist Rollstuhlbasketballer seit 1998. Zu seinen Stationen zählen der RSV Lahn-Dill und die SG/MTV Braunschweig. Der C-Lizenz-Trainer war u.a. hospitierendes Mitglied im Coaching Staff der Herren-Nationalmannschaft für die EM 2011 sowie Assistenztrainer für die Herren-Nationalmannschaft 2013. Schwerpunktthemen: Spielanalyse, Videoanalyse und Scouting. Im normalen leben ist Daniel Stange Historiker und freiberuflicher Journalist. Für Rollt. bloggt er in der Kategorie “Pick and Rollt.” %CODE1%

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