Pick and Rollt. #13: Schlecht genug zum Werfen? Warum freie Würfe von guter Verteidigung zeugen können

Irgendwie ist das alles ja ziemlich kompliziert: Da ist ein Spieler komplett offen und kann frei auf den Korb werfen, und der Trainer ruft trotzdem „Super Defense!“. Irgendwie scheint er das sogar ernst zu meinen. Gute Verteidigungsarbeit ist also, jemanden werfen zu lassen? Im zweiten Teil der Defense-Serie will ich mit Euch genau darüber sprechen.

Freie Würfe zulassen?
Freie Würfe zulassen?

Natürlich beginnt Defense mit dem fahrerischen Know-How und der Fitness, um mit dem Rollstuhl rechtzeitig an die richtige Position zu kommen. Damit ist der erste Schritt gemacht, so zu verteidigen, dass der Schiedsrichter nicht ständig pfeift und man sich sofort ausfoult. Wirklich gute Defense braucht aber auch den Kopf: Was wollen wir überhaupt erreichen? Und wie?

Realistisch gesehen kann man in der Verteidigung nicht alle Würfe verhindern. Würfe wirklich „verhindern“ ist übrigens nahezu unmöglich. Was wir aber erreichen können: Möglichst ökonomisch dafür zu arbeiten, einen effizienten Wurf so schwer wie möglich zu machen. Das erfordert meistens einen Kompromiss, und der ist in aller Regel: Wenn wir einen Wurf am ehesten zulassen wollen, dann von einem Spieler, der mit der größten Wahrscheinlichkeit nicht trifft. In Englisch nennt man den „player least likely to score“.

In gewisser Weise können wir auf dadurch versuchen, die Angriffe der Gegner vorhersehbarer zu machen – und auf alles, was vorhersehbar ist, kann man im Vorfeld Reaktionen einüben. Das gilt natürlich nicht nur für die Verteidiger, sondern auch für die Angreifer. Besonders drastisch kann man das an der Ganzfeldpresse sehen: Hier können die Verteidiger im Idealfall den Gegner so stellen, dass alle Pässe und Fahrwege mehr oder weniger berechenbar sind. Allerdings kann die angreifende Mannschaft auch einen Pressbreak einüben – wenn der gut geplant und sicher eingeübt ist, kann man eine Pressverteidigung spielend leicht mit Pässen, Kreuzen und Blocken und leichten Korblegern vernichten.

Wesentlich häufiger kommt es daher vor, dass wir in der Halbfeldverteidigung gute Strategien brauchen. Und das ist dann ein klassisches Trainer-Revier. Ein schlechter Trainer sagt: „Versucht mal, mit Köpfchen zu verteidigen. Macht das mal klug!“. Was von solchen Phrasen zu halten ist, habe ich Euch ja schon einmal erklärt.

Frankfurter Übermacht gegen Thomas Böhme
Frankfurter Übermacht gegen Thomas Böhme

Was soll das heißen – „verteidigt mal klüger!“? Es bedeutet vor allem: Kennt die fünf Gegner auf dem Feld! Helft vorwiegend von Spielern, die wenig Risiko für den eigenen Korb bedeuten. Seid bereit für Hilfe an Spielern, die mit großer Wahrscheinlichkeit gute Korbwurfaktionen haben werden. Bietet Fahrwege so an, dass ihr recht sicher wisst, wie der Gegenspieler attackieren wird. Und zwar in eine Richtung, aus der eine solide Hilfe kommen kann.

Dazu braucht man etwas, das wir auf Englisch „Threat Analysis“ nennen: Eine Gefahrenanalyse. Jeder Coach sollte das machen können – im einfachsten Fall reicht der Blick auf die Aufstellung mit Klassifizierung, eine Scorerliste und ähnliches. Wer macht konstant viele Punkte? Wer hat mal Hochs und Tiefs? Wer ist an der Freiwurflinie schwach? Welcher Spieler attackiert die Zone, welche Spieler werfen wenig, welche nur aus der Distanz? Gibt es Spieler, die von der Dreierlinie eine ernsthafte Gefahr darstellen?

Erfahrung ist natürlich viel wert bei einer solchen Analyse, aber eigentlich ist es alles eine Sache von Fleiß und Interesse. Wenn man Daten oder Videos hat, sollte man durchaus auch einmal schauen, wie der Gegner reboundet. Wer den Ball wie oft und wie lange in der Hand hat. Wer klar nur auf bestimmten Positionen wirft, wer nicht mit der schwachen Hand dribbeln kann, usw.

Mit diesen Erkenntnissen kann man nun für alle relevanten Bereiche klare Listen machen: Wer ist der punktgefährlichste Spieler und welche Situationen müssen wir bekämpfen, um ihn weniger gefährlich zu machen. Es gibt beispielsweise viele große Spieler, die extrem sichere Werfer aus der Nahdistanz sind, selbst aber nicht mit Ball attackieren und in aller Regel erst durch einen Seal auf ihre bevorzugte Wurfposition kommen. Ein Plan kann hier sein, die Bewegung des sealenden Spielers so früh wie möglich und so effektiv wie möglich zu stören. Oftmals ist es auch möglich, die Sealbewegung zuzulassen, aber den hereinschneidenden Trailer zu stoppen. Dann schneidet der Sealer allerdings frei zum Korb.

Kreuzen, schneiden, blocken
Kreuzen, schneiden, blocken

Ähnlichen passiert, wenn wir in eine Pick and Roll-Situation kommen – wir müssen uns dann entscheiden, ob wir eine Hilfe durch Rotation geben. Und falls wir rotieren, dann stellt sich die Frage, von welchem Gegenspieler. Manchmal ist es aber besser, gar nicht zu rotieren, sondern den abrollenden Spieler fahren zu lassen und den Spieler im „Chase“ zu verteidigen. Gar nicht selten resultiert daraus nämlich ein mäßig guter Wurf von einem mäßig guten Spieler.

Zu kompliziert? Nicht verstanden? In wenigen Worten zusammengefasst:Egal wie gut wir verteidigen – irgendwer wird immer irgendwie durchkommen. Deshalb wollen wir ungefähr steuern können, wo wir das geringste Risiko haben, das aus einem Wurf Punkte werden. Dazu müssen wir ungefähr wissen, welche Spieler welche Stärken und Schwächen haben und wie gefährlich sie in welchen Situationen sind.  Dadurch wissen wir, wo wir auf jeden Fall helfen müssen und wer Hilfe geben kann. Und deshalb werfen manchmal Spieler mit gutem Grund völlig frei auf den Korb… und daneben. Geile Defense eben!

Keine Sorge, ich werde das in den kommenden Folgen weiter zerlegen. Aber zwischendurch gibt’s natürlich auch ein bisschen Offense und ein bisschen „Was sonst noch so geht“. Versprochen.

 

 

Daniel-Stange-199x300Daniel Stange ist Rollstuhlbasketballer seit 1998. Zu seinen Stationen zählen der RSV Lahn-Dill und die SG/MTV Braunschweig. Der C-Lizenz-Trainer war u.a. hospitierendes Mitglied im Coaching Staff der Herren-Nationalmannschaft für die EM 2011 sowie Assistenztrainer für die Herren-Nationalmannschaft 2013. Schwerpunktthemen: Spielanalyse, Videoanalyse und Scouting. Im normalen leben ist Daniel Stange Historiker und freiberuflicher Journalist. Für Rollt. bloggt er in der Kategorie “Pick and Rollt.” %CODE1%

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