Pick and Rollt. #12: Opa erzählt vom Krieg. Was man lernen kann, wenn man die Vergangenheit Revue passieren lässt

Das Pokalfinale zwischen dem RSB Team Thüringen und dem RSV Lahn-Dill ist für mich eines der besten Rollstuhlbasketballspiele der letzten Jahre. Am Ende ging der DRS-Pokal in einem Herzschlagfinale zum elften Mal nach Wetzlar und der Herausforderer aus Elxleben kann sich für die vielen anerkennenden Worte nichts kaufen. Ich spare mir folglich, die Verlierer zu loben oder große Worte über den Sieger zu verlieren. Vielmehr möchte ich heute mit Euch ein wenig Video schauen und Euch am Beitrag von HandicapSports.TV einige Dinge noch einmal in Bewegtbild zeigen, von denen ich Euch in den letzten Folgen berichtet habe.

Lasst uns aber erstmal taktisch auf beide Teams schauen: Beide spielen überwiegend mit nur einem „Big Man“ – Halouski beim RSB-Team, Köhler oder Bestwick beim RSV. Beide Mannschaften bringen mit ihrer Starting Five eine enorme Geschwindigkeit und teils aberwitzige Athletik auf das Parkett. Hier trennen sich dann aber auch die Wege, denn der RSV Lahn-Dill zieht ein herausragendes Systemspiel auf, während das RSB-Team ein sehr dynamisch Spiel bevorzugt, das aus den fünf sehr korbgefährlichen Akteuren immer wieder Mismatch-Situationen oder Cuts von der Weak Side erzeugt. Man kann schlichtweg nicht alles gleichzeitig verteidigen: Die relativ starken Würfe von außen, die Drives der Guards zum Korb und die lauernden „Überall-Threats“ Halouski und Lindèn.

 

 

Man sieht das sehr gut, wie der RSV Lahn-Dill diese Aufgabe am Anfang kaum unter Kontrolle bekommt: Kommt das Spiel zum Stehen, nimmt (und trifft) Lindèn jeden freien Schuss. Noch viel lieber aber – und das sehen wir im Beitrag bei ca. 0:45 – schaltet Elxleben nach einem Rebound von Halouski blitzschnell um und hat in Partanen einen exzellenten Sprinter, der nach drei Jahren in der RBBL inzwischen auch einen sicheren Korbleger drauf hat. Lahn-Dill hatte in der ersten Spielhälfte ein echtes Handicap, weil die RSV-Transition stets viel Konzentration auf den Safety, die Absicherung gegen Fastbreaks, verwenden musste und nicht ständig mit Vollgas den Thüringer Korb attackieren konnte.

Auf die „MVPs ohne Punkte“ hatte ich Euch in der ersten Folge bereits hingewiesen, und am Ende waren sie es, die das Spiel entschieden haben. Ich hatte einmal erwähnt, dass der Wetzlarer Coach Nicolai Zeltinger ein akribischer Arbeiter ist, wenn es darum geht, das Spiel möglichst in eine 1:0-Situation möglichst dicht an das Brett zu bringen. Und schaut Euch im Video einmal an, wie Björn Lohmann das bei ca. 1:20 für Dirk Köhler oder bei 3:20 für Joe Bestwick macht: Das sind Seals aus einer Kreuzbewegung heraus, die mit einer derartigen Routine und Perfektion vorgetragen werden, dass Björn Lohmanns Job bereits erledigt ist und er sich auf den „Heimweg“ machen kann, ehe der Ball überhaupt den Weg zu den Centerspielern gefunden hat.

Als Matchwinner wurde in der Wetzlarer Presse Marco Zwerger gefeiert – der machte nicht nur in der Defense einen Riesenjob, indem er Alexander Halouski abmeldete. Ich habe Euch auch zwei Szenen herausgesucht, wo Marco auch in der Transition-Offense eine riesige Leistung bringt: Nehmt die Szene bei 2:30 – hier sieht es eigentlich nach einer tollen Einzelleistung von Mikey Paye aus. Im Hintergrund sehr ihr aber auch, wie Marco Zwerger für den deutlich langsameren Joe Bestwick einen Weg bahnt, über den der britische Center direkt ans Brett kommt und bereit wäre, einen möglichen Pass oder Rebound zu verwerten.

Und die letzte Spielszene ist bei 3:40 – es ist der vielleicht wichtigste Moment des Spiels, und Thomas Böhme ist der Held dieser Sekunde, als er den Korbleger zum Ausgleich und der am Ende entscheidenden Verlängerung trifft. Und wenn ihr ganz genau schaut, rollt unmittelbar bevor Tommy den Ball bekommt jemand aus dem Bild – genau, Marco Zwerger. Der hat zuvor den Platz geschaffen, in den Böhme rollen und eine gute Position einnehmen konnte.

Ganz ehrlich: Ich könnte mir solche Spiele immer und immer wieder anschauen. Nicht wegen der Emotionalität dieses Pokalsieges, des aufgeholten Rückstands, oder was auch immer. Sondern weil beide Mannschaften einen herausragenden Teambasketball gezeigt haben – ich sage ausdrücklich nicht „Rollstuhlbasketball“, denn Mannschaften wie Thüringen oder Lahn-Dill spielen einfach richtig guten, unterhaltsamen und hochwertigen Basketball, mit dem offensichtlichen Merkmal, dass die Spieler im Rollstuhl sitzen.

Es ist grober Unfug zu empfehlen, sich eine Scheibe davon abzuschneiden. Aber wenn ihr die Gelegenheit habt, solche großen Spiele auf Video zu schauen, nehmt Euch die Zeit, lieber wenige Ausschnitte öfter zu schauen, bis ihr verstanden habt, was alle fünf Spieler gerade vorhatten, was sie erreicht haben und wie. Und dann überlegt Euch, was davon Euer Spiel erweitern und verbessern kann.

 

Daniel-Stange-199x300Daniel Stange ist Rollstuhlbasketballer seit 1998. Zu seinen Stationen zählen der RSV Lahn-Dill und die SG/MTV Braunschweig. Der C-Lizenz-Trainer war u.a. hospitierendes Mitglied im Coaching Staff der Herren-Nationalmannschaft für die EM 2011 sowie Assistenztrainer für die Herren-Nationalmannschaft 2013. Schwerpunktthemen: Spielanalyse, Videoanalyse und Scouting. Im normalen leben ist Daniel Stange Historiker und freiberuflicher Journalist. Für Rollt. bloggt er in der Kategorie “Pick and Rollt.”   %CODE1%

 

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