Pick and Rollt. #11: Ob Du wirklich richtig stehst…wo und wie man am besten auf dem Feld herumfahren sollte

Es gibt eine Menge Dinge, die glaubt man intuitiv richtig zu machen. Verteidigen gehört auf jeden Fall dazu. Kein Mensch würde von sich sagen, ein schlechter oder zumindest ausbaufähiger Verteidiger zu sein. Und dann gibt es Übungen im Training, von denen man völlig angewidert ist, weil sie sich bis zum Erbrechen wiederholen und der coach trotzdem immer noch etwas zu mäkeln hat. Die „Defense“, die Verteidigung, ist das Herz des Rollstuhlbasketballs – und ohne Fleiß nicht zu beherrschen.

Defense gegen Dirk Passiwan
Defense gegen Dirk Passiwan

Ich höre Euch schon kritisieren: „Kann man eigentlich richtig stehen? Stehen? Hast Du nicht gesagt…“ – Ja, ich weiß. Fahren ist der Goldstandard im Rollstuhlbasketball (PNR01) Aber zum Fahren gehört mehr, nämlich die Initiative über das Fahren zu behaupten. Wer entscheiden kann, wer, wann und wohin fährt, nachdem erstmal alles zum Stehen gekommen ist, der Hand nämlich am „Jackpot“.

Zum richtigen „Stehen“ gehören wie immer drei Komponenten. Erstens das reine Handwerk: Ihr müsst den Stuhl bewegen und stoppen können. Zweitens: Das Know-How und eigentlich noch wichtiger – das Know-Why. Drittens: Die Intelligenz, beides mit dem Spiel, was um Euch herum passiert, zusammen zu bringen. Alles zusammen wird zu viel für eine Kolumne, also fangen wir beim banalsten Teil an – der korrekten Verteidigungsposition.

Grob gesagt: Auf der Linie zwischen Korb und Angreifer ist man zunächst richtig. Das Ziel der Aktion ist auch klar und durch die Regeln ausreichend definiert: Wir wollen zu jeder Zeit in der Lage sein, eine legale Verteidigungsposition gegenüber dem Angreifer zu behaupten. Im engen Kontakt bedeutet das, dass mindestens die Achse der großen Hinterräder des eigenen Rollstuhls vor die Achse der kleinen Vorderräder des Gegners gehört. Als Faustregel kann man sich außerdem merken: Wir verteidigen „mit dem Hinterrad“, genauer: mit dem Greifreifen und dem „Gummi“, denn niemand will von einem Angreifer eingeklemmt werden, weil dieser mit dem Bügel im Greifreifen steht.

Frankfurter Übermacht gegen Thomas Böhme
Frankfurter Übermacht gegen Thomas Böhme

Daneben gibt es noch eine ganze Reihe von Faktoren: Der Geschwindigkeitsunterschied zwischen Angreifer und Verteidiger darf nicht groß sein, und wenn er es ist oder werden könnte, gibt es nur drei Möglichkeiten, die man besser alle miteinander in dieser Reihenfolge kombiniert: Man muss den Abstand vergrößern und damit Raum aufgeben, die eigene Geschwindigkeit erhöhen und dem Gegner Geschwindigkeit „stehlen“. In der Regel passiert das durch das sogenannte „Grinden“, kleine Kontakte zwischen den Rollstühlen.

Lernen, was man dafür tun muss, kann man vor allem in der endlosen Wiederholung der Situation. Recht bekannt sind die sogenannten Shadow-Drills, wörtlich übersetzt „Beschattungsübung“, also eine Endlosschleife der Verteidigungssituation. In einem begrenzten Korridor bemüht sich ein Angreifer, an seinem Gegenspieler vorbeizukommen – und der Verteidiger versucht genau das zu verhindern. Man kann das beliebig von 1-1 bis 5-5 skalieren, mit Ball oder ohne Ball machen. Und meistens verschwindet jede Begeisterung aus den Gesichtern der Trainingsteilnehmer, wenn wir sie im Training machen.

Warum das so ist? Weil man bei dieser Übung den Spiegel vorgehalten bekommt, wie gut oder schlecht man in der Defense arbeitet. Ist der erste Push schlecht, ist man sofort geschlagen. Dreht man kurz den Bumper in Richtung des Angreifers, ist man in der Regel geschlagen. Also dreht man sich richtig, zeigt dem Angreifer den Rücken, und wird geschlagen, weil man nicht über die Schulter geschaut hat. Erlaubt man dem Angreifer zu viel Bewegung oder durch viel Abstand, Fahrt aufzunehmen, ist man sofort geschlagen. Schaut man dem Gegenspieler nicht auf die Räder und „liest nicht dessen Hände“, fällt man auf alle möglichen Finten rein – und ist schon wieder geschlagen. Kommt dann ein Partner dazu, muss man auch noch kommunizieren, Blöcke abwehren…

Harte Attacke an Sebastian Wolk
Harte Attacke an Sebastian Wolk

Ich kann verstehen, dass das keinen wirklichen Spaß macht. Es ist viel besser, etwas für das eigene Ego zu tun, indem man erfolgreich auf den Korb ballert. Ich kann Euch nur empfehlen, Euch selbst einmal beim Shadow Drill filmen zu lassen und das Ergebnis in Ruhe zu schauen – vielleicht sogar mit einem erfahrenen Coach oder Schiedsrichter, der Euch erklärt, wo ihr die Vorteilsposition verlasst und foult. Eines kann ich Euch eigentlich blind sagen: Das Unheil nimmt meistens seinen Lauf, wenn ihr dem Gegner die Fußraste zeigt oder die Hände von den Rädern nehmt.

Das war jetzt nur das erste Kapitel – ich nehme den Faden wieder auf, damit ihr auch in Zukunft was zu lesen habt. Höre ich jemanden jammern? „Nicht schon wieder Defense!“ War Euch nicht klar, dass nach dem Jubiläums-Schnack mit der Oma und den Ausreden der Moralapostel mit dem erhobenen Zeigefinger kommt? Habe ich mir gedacht. Also – nach der Saison ist vor der Saison – schafft Euch was drauf bis zum Herbst!

 

 

Daniel-Stange-199x300Daniel Stange ist Rollstuhlbasketballer seit 1998. Zu seinen Stationen zählen der RSV Lahn-Dill und die SG/MTV Braunschweig. Der C-Lizenz-Trainer war u.a. hospitierendes Mitglied im Coaching Staff der Herren-Nationalmannschaft für die EM 2011 sowie Assistenztrainer für die Herren-Nationalmannschaft 2013. Schwerpunktthemen: Spielanalyse, Videoanalyse und Scouting. Im normalen leben ist Daniel Stange Historiker und freiberuflicher Journalist. Für Rollt. bloggt er in der Kategorie “Pick and Rollt.”  %CODE1%

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