Interview mit Sedat Özbicerler | „Einfach kann jeder“

Nachdem es den RBC Köln 99ers in den letzten drei Jahren jeweils am finalen Spieltag gelungen ist, die Klasse zu halten, musste das Team aus der Domstadt in dieser Spielzeit die Segel in der Beletage streichen. Im ausführlichen Rollt.-Interview spricht der Kölner Manager, Sedat Özbicerler, über die Gründe, die zum Abstieg geführt haben, die weiteren Planungen am Rhein sowie wegweisende Entscheidungen in der Pre-Season.

Sedat, nachdem ihr es in den letzten drei Jahren immer geschafft habt, in der 1. RBBL zu bleiben, seid ihr dieses Jahr sportlich abgestiegen. Kannst du uns die aktuelle Stimmungslage am Rhein beschreiben?

„Der Kölner an sich ist ja eine Frohnatur und lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Dennoch war der letzte Heimspieltag für alle sehr hart. Aber unsere Mannschaft, unsere Fans und alle unsere Partner haben mit viel Herzblut auf dem Spielfeld und auf den Tribünen alles gegeben. Die Art und Weise wie wir uns letztlich aus der 1.RBBL verabschiedet haben war ausschlaggebend und gibt uns gleichzeitig die Motivation, die Ärmel hoch zu krempeln, die Reifen aufzupumpen und die Kugellager zu ölen. Wir werden alles daransetzen, den Wiederaufstieg so schnell wie möglich zu realisieren. Nach dem Spiel haben wir von so vielen Leuten Zuspruch und aufmunternde Worte erhalten, verbunden mit der Aufforderung, die Köpfe nicht hängen zu lassen, sondern schnell wieder zurück zu kommen. Das ist alles Ansporn und Motivation genug.“

Was waren deiner Meinung nach die Hauptgründe für den Abstieg?

„Das ist wie so oft ein Zusammenkommen von vielen kleinen und großen Faktoren, die am Ende den Abstieg besiegelt haben.“

Die da wären?

„Sicher war die Abwesenheit unseres japanischen Quartetts ein wichtiger Faktor, wodurch wir die Saison nicht in voller Besetzung antreten konnten. Wir hatten  gehofft, diesen Ausfall der Japaner kompensieren zu können und spätestens bei ihrer Rückkehr als Team richtig durchstarten zu können. Leider traten dann diverse vorher nicht absehbare Ereignisse ein, die letztlich unseren Abstieg besiegelt haben.“

Kannst du welche nennen?

„Nun, da waren der gebrochene Finger unseres neuen Centers Nermin Hujic gleich am ersten Spieltag, die Visa-Probleme, die wir mit der deutschen Botschaft in Bosnien hatten. Eine Entschuldigung von deren Seite kam zwar, aber die Verzögerungen haben uns leider viel Zeit und Energie gekostet und auch Spiele. Hinzu kam eine weitere Handverletzung von Gijs Even, wodurch wir auf der Centerposition phasenweise auf beide verzichten mussten. Ein John Piazza, der Anfang der Saison für uns als eine richtig gute Verstärkung zur Verfügung stand, aber nach Antritt seines neuen Jobs, kaum Trainingseinheiten besuchen konnte und  deshalb, auf eigenen Wunsch, kurzfristig aus dem Kader ausgestiegen ist. Nicht zu vergessen ist, dass Lars Bergenthal aufgrund seiner Verletzung die komplette Spielzeit ausgefallen ist. Und zu guter Letzt das krankheitsbedingte Fehlen unseres Headcoachs Mathew Foden in der wichtigen Vorbereitung auf das Spiel gegen Zwickau und dann auch beim Spiel.“

Ihr musstet zu Beginn der Saison eine längere Zeit auf eure japanischen Spieler verzichten. Was hat den Ausschlag gegeben, dieses Risiko einzugehen?

„Wir sind das Risiko eingegangen, weil wir die Mannschaft in der Planung als stark genug und konkurrenzfähig eingeschätzt haben. Die Spiele mit dem kompletten Kader haben das ja letztlich auch bewiesen. Zum anderen waren wir auch nach unserem internationalen KickOff-Turnier sehr zuversichtlich, dass unsere Einschätzung der Spielstärke des Teams passt, um in der Liga bestehen zu können und die Abwesenheit der Spieler spätestens in den Rückspielen kompensieren zu können bzw. die direkten Vergleiche zu unseren Gunsten drehen können.

Gab es weitere Punkte?

„Ein anderer Aspekt für unsere Entscheidung war, dass wir den Kader aus der vorherigen Saison nicht komplett auflösen und verlieren wollten. Natürlich spielt bei so einer Entscheidung auch  unser Budget, das wir für den Gesamtverein mit insgesamt 5 Mannschaften im Spielbetrieb und einer Kindergruppe einsetzen, eine weitere wichtige und entscheidende Rolle. Somit spielten auch hier einfach mehrere Faktoren eine Rolle, warum wir uns entschieden haben dieses „Risiko“ einzugehen.

Wenn du die vergangenen Monate reflektierst, gibt es da Entscheidungen, die du jetzt anders oder nicht getroffen hättest? 

„Nun, wenn ich vorher hätte ahnen können, was alles an „Hürden“, wie bereits mit deinen Eingangsfragen beantwortet, auf uns zukommen würde, ja. Da wäre sicher die ein oder andere Entscheidung anders ausgefallen. Aber wenn ich mit solchen Fähigkeiten ausgestattet wäre, hätte ich schon längst im Lotto mitgespielt.“

Wie sah eigentlich die Pre-Season in Köln aus?

„Wir haben nach Ablauf der letzten Saison und der damit einhergehenden Gewissheit, auch 2017/2018 in der 1.Liga spielen zu können, sehr viele Gespräche mit potenziellen neuen Spielern geführt. Wir haben im April ein erstes Tryout mit neuen Kandidaten abgehalten und neue Spieler für unsere 1. und 2. Mannschaft gewonnen. Aber uns auch gegen den ein oder anderen Spieler entschieden.“

Wie muss ich mir das vorstellen?

„Wir haben Angebote für Spieler erstellt und versucht, deren Anforderungen in allen Punkten nachzukommen, um dann in letzter Sekunde eine Absage zu kassieren. Unsere Bemühungen, den Kader zwischenzeitlich nochmal personell zu verstärken, sind aus verschiedenen Gründen gescheitert. Wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten und unseres Budgetrahmens alles versucht, wollten aber eben keine „ungedeckten Schecks“ ausstellen, um um jeden Preis und unverantwortlich jemanden zu holen.“

Was habt ihr stattdessen gemacht?

„Unsere Priorität lag im Aufbau nachhaltiger Strukturen. Wir haben hierzu mit Frederic Jäntsch einen weiteren Mitarbeiter eingestellt und bauen gerade unseren Nachwuchsbereich mit dem Projekt Rollis@School aus. Hier werden wir perspektivisch noch viel Freude an den angestrebten Zielen haben. Durch die strukturelle Verbesserung sind mehr Leute im Verein eingebunden und wir können die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen. Das wird sich auch erst längerfristig positiv bemerkbar machen. Unser Live-Streaming Angebot konnten wir durch die Arbeit von Sören Pröpper weiter entwickeln und auf ein neues Level anheben. Unsere beide Kommentatoren Arne Albrecht und Niklas Perez sind ebenfalls ein toller Zugewinn. Ich könnte hier vieles mehr anführen, um also auf die Bewertungsfrage zurück zu kommen, will ich sagen, dass unsere Bewertung der abgelaufenen Saison nicht nur am Erfolg oder Nicht-Erfolg der 1.Mannschaft und deren Verbleib in der 1.Liga bemessen werden kann.“

Ihr seid einer der größten Vereine in Deutschland, der vielen Talenten eine Heimat bietet. Kannst du zum jetzigen Zeitpunkt schon einen Ausblick geben, wie ihr den Verein und die jeweiligen Teams ausrichten werdet und wer auch zukünftig in der 1. Mannschaft auf Korbjagd gehen wird?

„Wir sind im Bereich Rollstuhlbasketball der größte RBB Verein. Kein anderer Club hat 5 Teams im Ligabetrieb und zudem eine Kinder- und Jugendgruppe. Zur neuen Saison kommt eine weitere reine Damenmannschaft hinzu. Die Gespräche laufen bereits mit den Spielerinnen und Spielern. Und wir werden nach dem entsprechenden Rücklauf die Lage bewerten. Unser Ziel bleibt weiterhin, möglichst jedem Interessierten auf seinem Einstiegslevel ein Angebot zu bieten. Angefangen von den Rolli-Rookies bis hin zur Bundesliga. Gleichzeitig wollen wir Heimat für „alte“ Hasen sein, um sie im Verein zu halten auch wenn sie mal etwas kürzer treten wollen.

Konkret heiß das?

„Wir haben bereits in der abgelaufenen Saison die Weichen für die nächste Saison gestellt und Spieler wie Paul Jachmich viel Spielzeit in der 1.Mannschaft gegeben. Auch hier laufen Gespräche mit weiteren Talenten, die wir aus unseren Reihen aber auch aus dem Umland ans Team heranführen wollen. Wir haben seit Herbst letzten Jahres eine „Advance-Team“ Gruppe zusammengebracht, um diese unter Anleitung von Mathew Foden stärker zu fördern. Die ersten Erfolge sind hier auch entsprechend sichtbar. Und das werden wir natürlich auch weiterführen. Hier bekommen die Athleten zum regulären Teamtraining eine individuelle Förderung. Natürlich sind wir auch sehr stolz auf unsere vielen Talente, die beispielsweise einen großen Teil des NRW-Landeskaders ausmachen. Oder unsere Junioren-Nationalspielerinnen und weitere Spieler, die sukzessive für ihre harte Trainingsarbeit belohnt werden.“

Zuletzt habt ihr exzellente Vermarktungserfolge gefeiert, was das Engagement von Toyota unterstreicht. Kannst du kurz erläutern, ob der sich der Gang in Liga zwei auch Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation hat?

„Bisher gibt es keine Anzeichen, dass unsere, zum Teil langjährigen Partner, hier Kürzungen vornehmen. Das ist natürlich auch ein ganz tolles Signal unserer Sponsoren und zeigt die Verbundenheit mit unserem Verein und die Wertschätzung der Kooperation, die wir pflegen. Dafür sind wir sehr dankbar. Wie es sich bei der weiteren Vermarktung und Ansprache neuer Partner auswirkt, müssen wir noch abwarten.“

Gilt Mathew Fodens Vertrag eigentlich auch für die zweite Liga bzw. wie geht es mit ihm weiter?

„Wir haben ja bereits im Mai letzten Jahres die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Mat bekanntgegeben. Wir sind von seiner Arbeit sehr überzeugt und haben bereits viele Ideen und Weichenstellungen mit ihm für eine langfristige Zusammenarbeit gestellt. Da ist der Zwischenstopp in der 2. RBBL kein Grund, alles über den Haufen zu werfen. Unsere längerfristigen Pläne gehen derzeit in die richtige Richtung, und wir haben in den letzten Monaten viel in unsere Vereinsstruktur investiert. Auch das macht sich zunehmend bemerkbar. Gerne hätten wir den sportlichen Erfolg der 1.Mannschaft dabei gehabt, aber der wird auch wieder kommen. Da machen wir uns keine zu großen Sorgen.

Was gibt dir persönlich die Kraft, auch in schwierigen Situation, wie dem Abstieg, weiter Vollgas zu geben und positiv zu bleiben?

„Natürlich war das letzte Heimspiel gegen Zwickau ein emotionaler Dämpfer. Wir hätten gerne mal eine Saison ohne große Probleme gespielt. Aber so ist es halt manchmal auf und insbesondere neben dem Court. Einfach kann jeder (lacht). Wir bekommen an anderer Stelle von den vielen Leuten im Umfeld und von Mitgliedern der verschiedenen Teams für unsere Arbeit, die wir als Team hinter den Kulissen bewältigen, sehr viel Zuspruch. Den Kopf in den Sand zu stecken bringt keinen weiter und ändert vor allen auch nichts an der Lage.“

Gibt es etwas, was du der 99ers-Familie gerne sagen möchtest?

„Unsere 99ers-Familie ist die beste, die ich mir als Verantwortlicher wünschen kann. Wir freuen uns miteinander, wir streiten miteinander und wir feiern miteinander und weinen, wenn es sein muss, mal miteinander. Wir haben das ganze vielfältige Angebote im Verein und die großen Events auf die Beine gestellt. Es gibt viele tolle Projekte, die wir gerade im stillen Kämmerlein vorbereiten. Es gibt also keinerlei Anlass, Trübsal zu blasen, sondern wir schaffen gemeinsam noch viele tolle Dinge.“

Und dein Dank?

„Wir möchten uns bei allen Spielern und Coaches, die uns in den bisherigen 12 Jahren in der RBBL unterstützt haben und Teil dieser tollen Erfolgsgeschichte sind, bedanken. Unser Dank geht natürlich auch an unsere  Förderer, Mitglieder, Fans, Volunteers und den zahlreichen Personen, die im Hintergrund an der Entwicklung unseres Vereins tatkräftig mitgewirkt haben.“

Sedat, vielen Dank für deine Zeit.

Interview: Martin Schenk | Foto: Steffie Wunderl

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