Interview mit Peter Richarz & Benny Ryklin: „Es wird oft mehr in kurzfristigen sportlichen Erfolg, als in die nachhaltige Entwicklung dieser Sportler investiert.“

Nach dem fünften Platz bei der U23 Weltmeisterschaft im kanadischen Toronto äußert sich das Trainerduo Peter Richarz und Benny Ryklin im Rollt.-Interview positiv selbstkritisch, aber auch optimistisch, was die Zukunft des Rollstuhlbasketball-Nachwuchses betrifft. Der Head und der Assistant Coach sprechen über das verpasste Medaillenziel, Denkansätze zur Verbesserung der Jugendarbeit sowie Terminkollisionen mit dem A-Kader.

Wie fällt euer persönliches Fazit nach dem 5. Platz bei der U23-Weltmeisterschaft in Kanada aus?

„Das festgelegte Ziel um die Medaillen mitzuspielen wurde leider verfehlt. Wir haben sowohl im Spiel um Platz 1 in der Gruppe, als auch im Viertelfinale für wenige Minuten unseren Kopf verloren und uns damit im Grunde selbst geschlagen. Gerade die Crunchtime gegen die Briten durfte man nicht mit elf Punkten in den letzten Minuten total unnötig abgeben. Mit einer konstanten Aufmerksamkeit und Spielkontrolle hätte eventuell auch eine knappe Niederlage für Platz eins in der Gruppe und somit auch für den leichteren Gegner im Viertelfinale gereicht. Weiterhin mussten wir auch das Viertelfinalspiel gegen Australien gewinnen.“

Als Ziel wurde u. a. das Halbfinale kolportiert. Ein Vorsatz, dem die Australier, nach einer hervorragenden Vorrunde, einen Strich durch die Rechnung machten. Was lief anders als geplant im Match gegen  das Team von „Down Under“

„Wie bereits erwähnt haben wir den ersten Platz in der Vorrunde verspielt. Gegen Australien konnten wir schon in der ersten Halbzeit nicht konsequent unsere Stärken ins Spiel bringen, und damit haben wir einen größeren Vorsprung liegen lassen. Im weiteren Spielverlauf haben wir uns von der Presse der Aussies überrumpeln lassen und die Aggressivität in der Defensive verloren. Drei Dreier in einem Viertel vom australischen Go-to-guy zu fangen, auf dem absolut unser Fokus in der Defense lag, haben uns völlig aus dem Rhythmus gebracht. So wurde das letzte Viertel zum Kampf auf Messers Schneide, den wir am Ende knapp verloren haben.“

Wie hat das Trainerteam das Ausscheiden analysiert? Sprich zu welchem Ergebnis kamt ihr und welche Schlüsse wurden für die Zukunft gezogen?

„Wir hatten leider nur eine Wettkampfmaßnahme mit dem kompletten Kader, so dass es in dieser Konstellation eine Herausforderung wurde, die Mannschaft aus dem Ligaalltag, wo unterschiedliche  Level gespielt werden und unsere Jungs andere Rollen im Team haben, in eine konstante Turniermannschaft zu verwandeln. Zum einen brauchen die nominierten Spieler auch regelmäßige Wettkampferfahrungen auf hohem Niveau, und das vor allem in Situationen, wenn Spiele entschieden werden. Zum anderen benötigen wir mehr Maßnahmen mit der ganzen Truppe, in denen wir diese Situationen schon vor einem großen Turnier geraten, und wir müssen mit dem A-Kader klare Strukturen schaffen, in denen eine Doppelbelastung mit dem A-Kader eben keine Belastung ist, sondern beiden Seiten weiterhilft. Hier ist die Koordination mit dem Bundestrainer Nicolai Zeltinger zwar problemlos, aber die Überschneidung der Termine zwingt uns jedes Mal zu Kompromissen, die keiner Seite weiterhelfen.“

Ihr konntet ja die anderen Teams während der WM beobachten. Wo steht das Team Germany im sportlichen Vergleich  zu den anderen Nationen? Wo seht ihr euren persönlichen Anspruch erfüllt und an welchen Rahmenbedingungen muss weiter gearbeitet werden

„Zu den Rahmenbedingungen haben wir uns bereits geäußert. Was sicher noch in Bezug auf junge deutsche Spieler erwähnt werden muss ist, dass viele Positionen in der Bundesliga und darüber hinaus von internationalen Sportlern eingenommen werden. Es wird also  oft mehr in kurzfristigen sportlichen Erfolg, als in die nachhaltige Entwicklung dieser Sportler investiert. Hier ist die Frage der Quotierung sicherlich ein guter Ansatzpunkt, jedoch ist auch der Grundgedanke der Verantwortlichen und der Wille junge Spieler einzusetzen auch hier Grundvoraussetzung. Trotzdem sehen wir uns dieses Jahr in jedem Fall auf einem Toplevel, sonst hat man als Fünfter nicht sein Ziel verpasst. Wir haben uns in den verlorenen Partien, so auch gegen den späteren Weltmeister, selbst geschlagen und waren individuell absolut auf Augenhöhe oder sogar besser verglichen mit allen andern Teams vor uns. Uns als Trainerteam ist es nicht gelungen unter den bereits oben beschriebenen Rahmenbedingungen das Maximum aus der Mannschaft raus zu kitzeln.“

Mit Leon Schöneberg avancierte ein Spieler zum Top-Scorer und Leistungsträger, der in der Regionalliga spielt. Müsste solch ein Athlet – seine mehr als wichtige private und berufliche Zukunft kurz ausgeblendet – nicht höherklassig spielen, um sich als Sportler noch weiter zu entwickeln?

„In der Theorie hört sich diese getroffen Aussage schlüssig an, jedoch entscheidet zum einen jeder Spieler selbst über seine Zukunft und zum anderen haben wir in Deutschland nicht die Voraussetzungen, um jedem unserer Jungs einen optimalen Weg der dualen Karriere zu bereiten. Wir sind hier erst am Anfang der Entwicklung, bei der es noch viel mehr Kooperationen und Standorte, wie z. B. in Hannover, bedarf. An diesen Stützpunkten sollte ein Studium nicht nur vom Verein gefördert werden, sondern die regionalen Bildungs- bzw. Ausbildungsstellen unseren Sportlern machbare Voraussetzungen bieten. Bei Leon muss man aber auch deutlich sagen, dass er uns mit seiner Klasse sportlich gesehen alles gegeben hat, was wir von ihm erwartet haben. Doch hat auch hier sicher nicht geholfen, dass er mehrere Maßnahmen für das Studium ausfallen lassen musste.

Ihr seid ja schon lange im Business. Was wird euch von der 2017er U23-WM in Toronto positiv in Erinnerung bleiben?

„Die Mannigfaltigkeit der Stadt und der hohe Anspruch an die Toleranz sind auf jeden Fall Punkte, die man aus Kanada mitnimmt. Die Organisation des Turniers war auf höchstem Niveau, und die Menschen um das Parkett herum waren alle mit Herzblut bei der Sache. Das nimmt man natürlich als Ansporn für eigene Aufgaben mit und kann sich daran orientieren, wenn es im nächsten Jahr für die Rollstuhlbasketballwelt nach Hamburg geht. Sportlich versuchen wir immer alles so zu verarbeiten, dass es für uns und unsere Spieler eine positive Erfahrung war. Wenn die Jungs dann in Zukunft mit der nun schwer akzeptierbaren Erfahrung der Niederlage ihre Schlüsse ziehen sowie an die ein oder andere Sache anders heran gehen und deswegen Erfolge verzeichnen, dann ist das auch unser Erfolg.“

Interview: Martin Schenk

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