Interview mit Nicolai Zeltinger: „Wir sind noch in der Aufarbeitung.“

Die Herren des Team Germany haben die Heim-WM in Hamburg vor knapp einer Woche auf einem enttäuschenden 13. Platz abgeschlossen. Wir haben bei Bundestrainer Nicolai Zeltinger nachgehakt, wie er das Abschneiden seiner Mannschaft beurteilt, welche Rückschlüsse er zieht und was seine Pläne für die kommenden Monaten sind.

Nic, wie fällt dein persönliches Fazit über das Abschneiden des Team Germany bei der Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg aus? 

Wir sind nicht zufrieden mit dem Ausscheiden im Achtelfinale. Auch wenn wir gegen den Weltmeister ausgeschieden sind, hatten wir uns bei der Heim-WM gewünscht, für die eine oder andere Überraschung zu sorgen. Wir haben sehr viel Arbeit in die WM-Vorbereitung  gesetzt und uns intensiv darauf vorbereitet. Sicherlich war der verpasste Sieg gegen den Iran, der im Turnier gezeigt hat wozu er fähig ist, der Knackpunkt. Ich bin froh darüber, dass wir uns immer vorbildlich als Team präsentiert und uns nie aufgegeben haben, zudem haben wir uns gegen die großen Gegner der WM immer wieder zurückgekämpft. Trotzdem muss man attestieren, dass wir in entscheidenden Momenten eine zu hoher Fehlerquote hatten, wie 22 Ballverluste gegen den Iran und eine 33%-ige Trefferquote gegen das Team GB, die verhinderten haben, dass wir mehr erreicht haben. Wir analysieren noch weshalb das so ist, müssen aber feststellen, dass unsere Gegner athletischer im Rollstuhl sind und wir somit öfter Fehler unter Druck gemacht haben.

Was sind deine persönlichen Rückschlüsse, die du für dich aus der Heim-WM mitnimmst? Gibt es etwas, das du zukünftig anders machen wirst bzw. möchtest?

Wir sind, wie beschrieben, noch in der Aufarbeitung. Dabei gehen wir selbstkritisch und sehr offen vor. Wir erkennen, dass in GB eine neue hervorragend ausgebildete Generation das Zepter übernommen hat. Wir haben zwar gute Strukturen in Deutschland, doch die Budgets unserer Junioren-Nationalmannschaften oder der Landeskader sind so marginal, dass man über das Jahr gesehen nur partiell auf die Spielergestaltung und -entwicklung Einfluss hat. Wir planen nach der Junioren-EM mit meinen Bundestrainerkollegen der U22, Peter Richarz, und der U19, Martin Kluck, sowie deren Staff ein Strategietreffen. Hierzu habe ich konkrete Überlegungen in der Schublade, die ich allerdings zunächst mit meinen Mitstreitern besprechen möchte.


„Es liegt also nicht alleine am Geld.“


Wie beurteilst du die WM aus struktureller Sicht bzw. was sagst du zum Zuschauer- und Pressezuspruch, dem Rahmenprogramm und was hat dein direktes Umfeld gesagt?

Die WM war ein großes Fest. Und mein ganzer Dank gilt denen, die das Fest ausgerichtet und initiiert haben sowie denjenigen, die es nach Deutschland geholt haben. Das Medieninteresse am Rollstuhlbasketball war noch nie so groß wie in Hamburg. Dadurch haben mehr Menschen Rollstuhlbasketball über die TV-Anstalten in die deutschen Wohnzimmern geliefert bekommen, als je zuvor. Ebenso groß und euphorisch war das Interesse und die Atmosphäre in der Halle. Die Menschen waren dankbar, dass sie so intensiv angelockt wurden, um diese unvergleichbare Erfahrung machen zu dürfen. Viele werden sicherlich zurück kommen. Und genau hier gilt es anzuknüpfen, um die WM nachhaltig zu nutzen. Allerdings ist unser Verband im Umbruch und es gilt mit junger Energie, die nachhaltige Wirkung der WM zu konservieren und auszubauen.

Andere Nationen, wie GB, die USA und die Niederlande scheinen sportlich davonzueilen. Was wird konkret passieren, um den sportlichen Anschluss nicht zu verlieren?

Es gibt Nationen, wie GB, Kanada, Australien, Polen, die Niederlande oder auch die Schweiz, die Ihre Nationalspieler als Berufssportler anstellen. Da ist ein Zugriff auf die Athleten deutlich einfacher. Allerdings gibt es auch Beispiele, das Programme ohne große finanzielle Mittel erfolgreich sind, wie in den USA oder dem Iran. Es liegt also nicht alleine am Geld. Allerdings sind viele dieser Spieler Vollprofis bei Vereinen in Europa.  Wir werden unseren eigenen Weg finden müssen, wie wir in diesem Umfeld so wettbewerbsfähig bleiben können, wie wir das bei den letzten Europameisterschaften unter Beweis gestellt haben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns das für den anvisierten Zeitraum von 2019 bis 2024 gelingen wird.

Nicolai, vielen Dank für deine Antworten.

Interview: Martin Schenk | Foto: Steffie Wunderl

 

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