Interview mit Matthias Wastian: „Unsere größten Stärken sind sicherlich unsere Intensität, unsere Defense und unser Teamgeist.“

Auch in der Alpenrepublik werden wichtige und interessante Pflöcke zur Weiterentwicklung des Rollstuhlbasketballs gesetzt. Was der Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft, Matthias Wastian, über die bevorstehende B-Europameisterschaft in Chaleroi sowie die Entwicklung des Rollibasketballs in Österreich und Deutschland denkt, hat er uns im Interview verraten. Dem nicht genug, spricht er über das Toptalent Andreas Kraft, seine WM-Favoriten und den neuen Co-Trainer des Team Austria, Malik Abes.

Rollt.-Leser und -Fans aus Österreich sowie alle Rollstuhlbasketball-Interessierten dürfen sich auf Anfang/Mitte Juni freuen, wenn wir – Dank der Unterstützung der Firma Wellspect, des ÖBSV und des Vienna Marriott Hotel – das Team Austria vorstellen werden. Wer Matthias Wastian, Mehmet Hayirli & Co. auf Ihrem Weg nach Belgien unterstützen möchte, kann den Jungs über ihr Crowdfunding-Projekt „I believe in you“ helfen. Alle Infos dazu gibt’s hier: „Top vorbereitet zur EM in Belgien“

Matthias, vom 16. bis zum 24. Juni findet die B-Europameisterschaft in Charleroi, Belgien, statt. Ihr bekommt es in Vorrundengruppe A mit Schweden, Belgien, Russland und Lettland zu tun. Was sind eure Ziele?

Ich habe unlängst mit Lettlands Spielertrainer Raimund Beginskis geredet. Wir sind beide der Meinung, dass unsere Gruppe die deutlich stärkere ist und sehr, sehr ausgeglichen sein wird. Auch wenn ich aus Schweden noch nicht viel gehört habe, außer dass mit Gabe Caligiuri ein alter „Schiedsrichter-Bekannter“ das Coaching-Parkett betritt, gehe ich stark davon aus, dass in Gruppe A wirklich jeder jeden schlagen kann. Da wir in Sarajevo bzw. Bosnien-Herzegowina 2016 schon die traurige Erfahrung gemacht haben, wie zermürbend es ist, als zusehendes Team doch noch aus dem Halbfinale gekickt zu werden, werden wir alles daran setzen,  aus eigener Kraft den Halbfinaleinzug zu fixieren. 2016 haben wir durch den  Überraschungssieg Litauens gegen die Gastgeber im letzten Gruppenspiel das Semifinale verpasst.

Da wir die B-EM und die Teilnehmer, dank deines Supports, vorm Start im Juni nochmal analysieren, sei an dieser Stelle nur kurz nachgefragt: Wer sind die Topfavoriten auf den Titel und den damit einhergehenden Aufstieg in die A-Gruppe?

Ich denke, dass Belgien rund um Routiniers wie Samir Bader, Lorenzo Boterberg und Tanguy Six, in Kombination mit dem Heimvorteil, ganz leicht zu favorisieren ist. Wenn Russland auf Kochetkov zurückgreifen kann, wird es dahinter ganz eng und gleich sechs Teams geben, die allesamt auf einem ähnlich hohen Level agieren. Lediglich Kroatien und Slowenien zähle ich derzeit nicht unbedingt zu jenen Teams, die um die beiden Aufstiegsplätze mitkämpfen werden.

Wo siehst du als Kapitän des Team Austria eure Stärken?

Unsere größten Stärken sind sicherlich unsere Intensität, unsere Defense und unser Teamgeist. Auch weil uns der klassische Big Man in der Mitte seit Jahren fehlt, haben wir unser Außenspiel stark forciert – und ich denke, dass sich ebendieses mittlerweile auf europäischer Bühne durchaus sehen lassen kann. Eine klare Schwäche von uns in den letzten Jahren war, dass wir in den letzten drei B-EM-Auftaktpartien jeweils in den letzten Spielsekunden die Chance zum Sieg vergeben haben. Mittlerweile sind wir allerdings mental so stark, dass uns das sicher nicht noch einmal passieren wird.

In welche Richtung müsste sich der Rollstuhlbasketball in der Alpenrepublik entwickeln bzw. welche Maßnahmen müssten umgesetzt werden, dass Österreich zu den Topteams in Europa aufschließt?

Grundsätzlich gibt es für ein kleines Land auf dem Weg zur europäischen Spitze nur zwei mögliche Ansätze: Entweder man setzt auf eine kleine Kerngruppe von Spielern, die als Profis im Ausland reifen, oder man investiert sehr viel in eigene Programme für junge Spieler, so wie es etwa Holland seit Jahren auf wunderbare Art praktiziert. Der nachhaltigere und sinnvollere ist sicherlich letzterer, und hierzu sind es wichtige erste Schritte, dass etwa der Österreichische Behindertensportverband (ÖBSV) Rollstuhlbasketball zur Schwerpunktsportart erklärt hat und der Österreichische Basketballverband (ÖBV) deutliche Akzente zur Verbesserung der Zusammenarbeit setzt. Auch die Steigerungen der Interwetten/Coloplast Sitting Bulls (16.) und der Flink Stones (54.) im europäischen Ranking sowie die geplante Einführung einer zweiten österreichischen Rollstuhlbasketball-Liga sehe ich sehr positiv. Negativ für den österreichischen Ligabetrieb ist es hingegen zu werten, dass einige Vereinsmannschaften in Deutschland oder Slowenien, aber nicht im eigenen Land aktiv sind. Bis zur von mir erträumten Errichtung eines eigenen Leistungszentrums und eines eigenen Ausbildungsprogramms für Jugendliche in Österreich, wird es definitiv noch einiges an Zeit und Budget benötigen.

Du verfolgst ja auch die Entwicklung des Sports in Deutschland. Was sind deine ersten Gedanken, wenn du an die RBBL und das Team Germany denkst? Was gefällt dir? Und wo siehst du Schwächen?

Mir gefällt extrem, wie junge Spieler in Deutschland über diverse Nachwuchsauswahlmannschaften super ausgebildet und an die Spitze herangeführt werden. Das ist sicherlich eine wichtige Grundlage für die Erfolge des Team Germany. Dennoch bin ich persönlich ein Fan von etwas mehr Auslandserfahrungen bei Führungsspielern des deutschen Nationalteams – ein kleiner Mitgrund, warum ich nicht ganz nachvollziehen kann, dass Andre Bienek nicht direkt in den Kader für Hamburg einberufen wurde.

Und in puncto RBBL?

Die RBBL halte ich für eine sehr starke und auch spannende Liga, die allerdings vermarktungstechnisch sicherlich noch einige Luft nach oben hat. Regelmäßige Livestreams wie in Spanien würden ihr definitiv gut tun. Ich fände es auch toll, wenn das Mittelfeld der Liga einen weiteren Leistungssprung vollzieht – hier muss man in meinen Augen den Kampf mit Spanien und der Türkei aufnehmen, die ich diesbezüglich aktuell etwas stärker einschätze.

Mit Andreas Kraft habt ihr einen starken 4,0-Punkte-Mann an Bord, der in den USA für die Dallas Mavericks auf Korbjagd geht. Das erinnert mich ein Stück weit an Jan Gans in Deutschland. Alle wussten, dass es ihn gibt und er ein exzellenter Basketballer ist, aber er flog immer ein bisschen unter dem Radar, da er in Übersee aktiv war. Wie verhält sich das mit Andreas? 

Ich habe vor einigen Jahren gemeinsam mit Jan Gans trainiert, als er zu Besuch in Österreich war, und mich schon damals gewundert, warum er absolut gar nicht auf dem Radar des deutschen Nationalteams stand. Mit Andy Kraft verhält sich das vielleicht auch deshalb anders, weil Österreich wesentlich kleiner ist. Speziell ein Finals MVP 2017 kann hier nicht untergehen.

Welche Zukunft prognostizierst du ihm?

Andys Zukunft ist ganz anders zu bewerten, als jene von Jan Gans. Andys Fokus liegt immer mehr auf der beruflichen als auf der sportlichen Zukunft. Sportlich gesehen hat er alle Voraussetzungen, um als spielstarker Hochpunkter von außen oder der Weak side für viele Teams der Welt gefährlich zu sein – vom Potenzial her stehen ihm hier fast alle Türen offen. Welche Zukunft der Sport in seinem Leben allerdings einnehmen wird, obliegt alleine seiner Entscheidung.

Ihr habt jüngst mit Malik Abes einen neuen Co-Trainer präsentiert. Wie kam’s zur Verpflichtung? Und was ist die Erwartungshaltung deinerseits und die der Mannschaft?

Die Verpflichtung von Trainerfuchs Malik Abes kann man durchaus als Folge der Verkettung diverser Umstände bezeichnen. Eigentlich waren wir gerade mitten in der Planungsvorbereitung für den Nations Cup Otto Bock in Wien, als ich ihn als noch vermeintlichen Trainer der Equipe Tricolore kontaktiert habe, um ihn zu fragen, ob Frankreich Interesse an einer Turnierteilnahme hätte. Der französische Verband hatte allerdings kurz zuvor den gefühlt fünfzigsten Richtungswechsel in den letzten fünf Jahren vollzogen, und so kamen wir mit Malik, den ich schon einige Jahre kenne und schätze, bezüglich einer Zusammenarbeit ins Gespräch und auch rasch zu einer Einigung.

Wie lässt’s sich mit Malik an?

Die gemeinsame Arbeit mit ihm macht enormen Spaß und ist sehr einfach,  weil er viele Sprachen – unter anderem Deutsch – perfekt beherrscht. Er setzt ganz klare Richtlinien, was ich sehr schätze. Dass uns als Team seine internationale Toperfahrung viel bringt, steht außer Frage: Das haben wir auch schon beim Sieg gegen Israel in der Vorbereitung auf Charleroi gesehen.

Zum Ende des Interviews musst du mir noch verraten, wer die B-EM und die WM in Hamburg gewinnt?

Ich beginne mit der WM, weil ich den Tipp speziell bei den Herren relativ einfach finde: Ich denke, dass an den USA wie in Rio kein Weg vorbeiführen wird. Dahinter sehe ich einen spannenden Kampf zwischen einigen Europäern, allen voran der Türkei, den Briten und den Spaniern, aber natürlich auch den Deutschen. Für eine Überraschung könnten in meinen Augen eventuell die Iranis sorgen. Bei den Damen tippe ich darauf, dass die Medaillen an Deutschland, Holland und China gehen.

Und in Chaleroi?

Bei der B-EM setze ich auf ein Finale zwischen Belgien und Österreich.

Matthias, vielen Dank für deine Zeit.

Interview: Martin Schenk | Foto: Astrid Berger

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