Interview mit Jan Haller: „Jeder Spieler hat in jedem Spiel alles reingeworfen, das kann ich guten Gewissens versichern!“

Fast ein Monat liegt die Weltmeisterschaft im eigenen Land zurück. Genügend Zeit also, die Spiele und das Abschneiden des Team Germany zu rekapitulieren. Nachdem wir den Herren-Bundestrainer Anfang September interviewt hatten, unseren persönlichen WM-Kommentar abgegeben und die eine oder andere Rückmeldung aus der Community erhalten haben, wollten wir auch von Jan Haller, seines Zeichens Kapitän des Team Germany , wissen, wie er die Tage in Hamburg wahrgenommen hat. Was der 29-Jährige zu sagen hat, lest ihr im Rollt.-Interview.

Jan, vielen Dank, dass du dir die Zeit für die Fans in Deutschland und die Rollt nimmst und dich unseren Fragen stellst. Um einen kleinen Einblick in dein Seelenleben bzw. die WM aus deiner Kapitänsperspektive zu kommen, würde ich dich bitten, kurz zu beschreiben, was ihr als Mannschaft nach dem Match gegen den Iran besprochen habt? Was habt ihr wie in der Kabine reflektiert? Und was wolltet ihr im darauffolgenden Spiel besser machen?

Nach dem Spiel gegen den Iran waren wir natürlich erstmal unglaublich enttäuscht. Wir hatten uns viel vorgenommen und uns war bewusst, was diese Partie für ein Schlüsselspiel in der Gruppe ist. Es war sicherlich kein schönes Spiel, aber ich finde wir waren nicht unbedingt schlechter als der Iran. Beide Teams hatten 21 Ballverluste. Was uns in dem Spiel außerdem gekillt hat, waren elf Freiwürfe die wir liegen gelassen haben. Nach dem Spiel sind wir noch in der Kabine in die Analyse vom Spiel eingestiegen, wo natürlich genau diese Punkte zur Sprache kamen. Das ist auf dem Level gegen einen starken Gegner einfach nicht gut genug, das wissen wir selber. Dennoch lag der Fokus auch ziemlich schnell auf dem nächsten Spiel gegen Kanada, was ja keine 24 Stunden später schon auf dem Programm stand. Noch nach der späten Ankunft im Hotel haben wir über den groben Gameplan gesprochen, am nächsten Morgen ging es weiter.

 

Die Partie gegen Kanada ging anschließend auch verloren. Was hat deiner Meinung nach nicht funktioniert?

Unsere Verteidigung. Wir sind eigentlich gut ins Spiel gestartet. Der Ball vorne lief gut und unsere Schützen haben getroffen. Dann ist Goncin vor der Halbzeit heiß gelaufen und wir haben in einer Phase einen Run kassiert, in der wir uns gut gefühlt haben. Goncin hat die Freiräume, die man bekommt, wenn man mit Anderson spielt, gnadenlos genutzt und wir haben es dann nicht mehr geschafft, ihn neben Anderson gut zu verteidigen. Vorne haben wir etwas den Kopf verloren und sind mit einem Rückstand in die Halbzeit gegangen, von dem wir uns in der zweiten Halbzeit nicht mehr erholt haben. Definitiv unser schwächstes Spiel im Turnier.

 

Du bist Kapitän des Team Germany. Ich habe in meinem WM-Kommentar kritisiert, dass mir der Antreiber, Anbrüller und Leader während der WM – auf dem Court – gefehlt hat. Einer der das Zepter in die Hand nimmt und auch an das Ego seiner Mitspieler appelliert. Was ist deine persönliche Meinung zu diesem Punkt?

Meine persönliche Meinung ist, dass wir nicht mehr oder weniger emotional und kämpferisch zu Werke gegangen sind, als bei der EM 2017 wo wir im Halbfinale knapp gegen Europameister Türkei verloren und am Ende mit dem jüngsten Team im Turnier die Bronzemedaille geholt haben. Wohlgemerkt nach einer schwierigen Vorrunde und zwei Klatschen gegen GB und die Türkei. Wir haben uns auch dieses Jahr in jedem Spiel gepusht. In den Meetings im Hotel, in der Kabine, auf dem Feld. Genau wie letztes Jahr und da war das Team fast identisch. Anscheinend ist es nicht so rübergekommen, aber nur, weil wir uns nicht wie verrückt gegenseitig ins Gesicht schreien oder laut „booom“ brüllen nach jeder guten Aktion, heißt das doch nicht, dass wir uns nicht gegenseitig angetrieben haben. Man kann uns bei dieser WM sicherlich viel vorwerfen, aber nicht, dass wir nicht gekämpft haben. Jeder Spieler hat in jedem Spiel alles reingeworfen, das kann ich guten Gewissens versichern!



Kein Sportler verliert freiwillig. Ich bin mir sicher, dass sich das Team Germany selbst am meisten über das Abschneiden bei der Heim-WM geärgert hat. Wie fällt deine erste Analyse aus?

Da gebe ich Dir recht. Wir hätten den zahlreichen Fans in der Halle gerne mehr Grund zum Feiern gegeben. Ich denke, dass wir es einfach nicht geschafft haben, über 40 Minuten konstant gut zu spielen. Wir hatten in jedem Spiel dieser WM sehr gute Phasen, in denen viele Dinge super funktioniert haben. Genauso hatten wir aber auch immer wieder Abschnitte, in denen uns nichts gelungen ist. Leider meist dann, wenn es drauf ankam und spielentscheidend wurde. Deshalb sind wir in unserer Gruppe auch zurecht nur dritter geworden und mussten dann gegen GB ran. Das haben wir uns selbst eingebrockt. Grundsätzlich haben wir uns durch unsere Wurfquote, viele Ballverluste und fehlende Konstanz in diesem Turnier das Leben selber schwergemacht. All dies sind Dinge, an denen wir weiter hart arbeiten müssen. Als Team, aber auch jeder für sich. Ich habe bei der WM aber auch ein Team gesehen, das Charakter gezeigt und immer zusammengehalten hat. Auch wenn Du in deinem Rollt.-Kommentar das letzte Spiel gegen Südkorea als unwichtig abgestempelt hast, finde ich das sich gerade in dem Spiel der Charakter dieser Mannschaft gezeigt hat. So ein Spiel um Platz 13 ist vielleicht schwieriger als ein Viertel- oder Halbfinale. Zumindest für den Kopf. Wir wollten aber unbedingt für die Fans, unsere Familien und auch für uns selber nochmal ein gutes Spiel abliefern, was uns dann denke ich auch gelungen ist. Ich will dieses Spiel jetzt auch nicht wichtiger machen als es letztlich war, sondern nur nochmal aufzeigen, dass es für uns eben sehr wichtig war, einen einigermaßen guten Abschluss hinzukriegen und wir das immerhin geschafft haben.

 

Und was werdet ihr – und du als Kapitän – zukünftig anders angehen?

Ein ganz wichtiger Punkt für mich ist, dass wir Tage oder zumindest Stunden finden, wo wir mit einem Kern der Nationalmannschaft auch in der RBBL-Saison gemeinsam trainieren können. Viele andere Nationen trainieren zum Beispiel über das ganze Jahr verteilt, während wir lediglich von Mai bis August zusammen sind. Wir müssen dabei vor allem an den Basics wie Korbleger, Würfen und Pässen arbeiten. Da haben wir leider zu große Schwächen gezeigt. Dennoch müssen wir auch selbstbewusst bleiben und sagen, dass wir auf jeden Fall die Qualität haben, um 2019 bei der EM ins Halbfinale zu kommen und damit die Quali für Tokio 2020 zu sichern.

 

Mir ist bewusst, dass du keine öffentliche Aussage zum Bundestrainer oder dem Trainerstab machen wirst. Das verlange ich auch nicht. Dennoch sei die Frage erlaubt, wie du Nicolai Zeltinger während und nach der WM erlebt hast, wie eure Kommunikation lief und was ihr für die Zukunft angepeilt habt?

Ich habe Nicolai Zeltinger erlebt, wie ich ihn schon immer kenne. Er hat nichts dem Zufall überlassen und uns mit seinen Assistenztrainern auf jedes Spiel und jeden Gegner detailliert vorbereitet. Jeder, der schon Mal ein Gameplan-Meeting unter Nic mitgemacht hat, weiß wovon ich da rede. Nach unserem letzten Spiel haben wir die restlichen drei Tage in Hamburg genutzt und sind gemeinsam als gesamtes Team mit Trainern, Spielern und Staff in mehreren Meetings in die Analyse eingestiegen. Ich finde es unfair, wie nun von manchen Seiten über ihn geredet wird. Genauso wie wir in der Vergangenheit gemeinsam Medaillen für Deutschland geholt haben, sind wir auch gemeinsam in Hamburg auf Platz 13 gelandet. Spieler und Trainer.

 

Die beiden A-Nationaltrainer Martin Otto und Nicolai Zeltinger haben das Athletik-Thema und die Strukturen aufs Tableau gebracht. Was ist deine Meinung zum Status quo?

Die Strukturen sind bei uns natürlich anders als bei anderen Nationen. Bei uns Spielern liegt der Fokus ganz klar auf den Vereinen bei denen wir spielen. Dort sind wir angestellt, dort verdienen wir unser Geld. Und wenn zum Beispiel ein Verein wie die Thuringia Bulls im März seine Spieler nicht zum Selection Camp für die Nationalmannschaft abstellt, dann muss ich das als Teamkollege dieser Spieler nicht gut finden, aber eben so hinnehmen. Wir haben teilweise Spieler, die Vollzeit arbeiten gehen und für die bei einer dreimonatigen WM-Vorbereitung mal eben der gesamte Jahresurlaub draufgeht. Teilweise werden wegen dem Job gemeinsame Trainingseinheiten verpasst. Schaut man dann zum Beispiel nach Holland oder Großbritannien, sieht man ein Programm, über das die Spieler finanziell gefördert werden. Wenn der Verband in der Liga-Saison sagt, dass von Sonntag bis Mittwoch ein Trainingscamp stattfindet, dann haben die Spieler da zu sein. Dort steht der Verein nur an zweiter Stelle, weil die Spieler ihr Geld von der Nationalmannschaft bekommen. Welche beiden Damenteams im WM-Finale standen und wer bei den Herren Weltmeister wurde, ist ja bekannt.

 

Und was muss sich ändern bzw. was wünschst du dir als Sportler und Kapitän des Team Germany für die Zukunft?

Die Strukturen mal langsam anzupassen wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Ich glaube allerdings auch, dass dies aktuell kein Thema ist. Hätte Hamburg die Paralympics 2024 bekommen, wäre das vielleicht anders gekommen. Ich wünsche mir, dass wir uns nächstes Jahr bei der EM wieder besser präsentieren und uns für die Paralympics in Tokio 2020 qualifizieren. Viel weiter möchte ich erstmal nicht in die Zukunft blicken, weil dieses Ziel ab sofort ganz oben steht.

 

Gibt es etwas, dass du den Fans sagen möchtest?

Einfach nur ein ganz großes Dankeschön im Namen der gesamten Mannschaft an die Fans für die tolle und lautstarke Unterstützung in Hamburg. Dieser Dank gilt aber auch allen, die dieses Event möglich gemacht haben. Das Organisationskomitee, welches die WM über Jahre geplant hat und natürlich an die vielen Volunteers, die zwei Wochen ihrer Freizeit geopfert haben, um mitzuhelfen. Außerdem an die vielen Medienvertreter aus ganz Deutschland, durch die wir während der WM eine große Anerkennung erhalten haben. Vielen Dank!

Danke ist ein gutes Stichwort. Ich danke dir für deine Zeit.

 

Interview: Martin Schenk | Foto: Steffie Wunderl

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