Interview mit Dirk Passiwan | „Es gab einige schöne Momente in meiner Karriere.“

Der Mann, der schneller und besser Dreier schießt als sein Schatten, sagt der deutschen Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft auf Wiedersehen. Die Rede ist von keinem Geringeren als Dirk Passiwan. Ein Spieler, der wie kaum ein anderer den Korbballsport im Rollstuhl in den letzten Jahren mitgeprägt hat. Was den Mann mit dem aerodynamischen Haarschnitt zum Rücktritt bewogen, was der Bundestrainer gesagt und welche Worte der Ober-Delfin zum Abschied gewählt hat, gibt es im exklusiven Rollt.-Interview nachzulesen.

Dirk, mit dir verliert die Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft einen großen Namen und jede Menge Erfahrung. Und das ausgerechnet vor der Heim-WM in Hamburg. Was hat zur Entscheidung geführt, das Team-Germany-Jersey an den Nagel zu hängen?

„Es war ja schon so, dass ich die letzten Jahre ohne Pause immer wieder körperliche Probleme hatte. Und eigentlich gab es schon Gedanken, nach Rio aufzuhören, da mein Körper gerade im Sommer eine Erholung brauchte. Ich werde ja auch nicht jünger. Ich wollte die EM auf Teneriffa letztes Jahr nochmal probieren, aber leider hat mich dann wieder eine Verletzung zurückgeworfen. Ich hab dann letztes Jahr gemerkt, dass es notwendig ist, meinem Körper entsprechende Pausen zu gönnen. Auf Grund dessen kam es zu dieser schweren Entscheidung, meine internationale Karriere zu beenden. Es wäre sicherlich noch einmal schön gewesen, eine WM im eigenen Land zu spielen, aber es muss die Vernunft und die Gesundheit im Vordergrund stehen.“

Wie hat deine Familie und dein nahes Umfeld reagiert bzw. inwieweit waren sie in die Entscheidungsfindung mit eingebunden?

„Natürlich bespricht man solch eine wichtige Entscheidungen mit seinem Partner, der Familie und den Freunden. Sie alle konnten meine Gründe nachvollziehen und stehen voll dahinter, weil sie ebenfalls denken, dass es einfach die vernünftigste Entscheidung ist.“

Und was hat Nic Zeltinger gesagt?

„Er war zunächst geschockt und hätte gerne eine andere Entscheidung von mir gehört. Wir hatten in den letzten Jahren eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit, in der wir offen mit meiner gesundheitlichen Situation umgegangen sind. Aus diesem Grund hat er auch Verständnis für meine Entscheidung.“

Rückblickend betrachtet: Was war für dich der schönste und emotionalste Moment deiner langen Nationalmannschaftskarriere?

„Es gab einige schöne Momente in meiner Karriere. Ganz oben dabei ist meine persönlich beste EM, und zwar in Israel 2011, die mit der Silbermedaille gekrönt wurde. Aber auch die EM-Bronzemedaille in Worcester 2015 war ein schönes Erlebnis. Was die reinen Spiele betrifft, so war es ein tolles Erlebnis vor ausverkauften Haus gegen die Gastgeber der Paralympics in London (2012) und Rio (2016) zu spielen – und diese Partien auch noch zu gewinnen.“

Und welchen Moment würdest du gerne vergessen?

„Leider hatten wir immer wieder in den entscheidenden Momente das Pech, die Spiele nicht nach Hause zu bringen. Darunter alle drei Viertelfinalspiele bei den Paralympics, die sehr weh taten, da wir bei allen Turnieren die Chance hatten, uns fürs Halbfinale zu qualifizieren. Und damit letztlich auch die Möglichkeit, um eine Paralympische Medaille zu spielen. Das war 2008 in Peking gegen Großbritannien, 2012 in London gegen die USA und 2016 in Rio gegen Spanien.“

Mit dir geht ja auch einiges an Erfahrung im Team verloren. Jetzt mal unabhängig davon wer deine Lücke schließen wird, kannst du dir vorstellen, dein Wissen und Basketball-Know-how, neben den Dolphins, auch an jüngere Spieler weiterzugeben? Ein Dirk Passiwan als perspektivischer (Jugend-)Bundestrainer …

„Deshalb bin ich vor ein paar Jahren Trainer geworden, weil ich genau das in Zukunft machen will. Wir arbeiten ja in Trier die meiste Zeit mit jungen Spielern, denen ich versuche, ein bisschen was von meiner Erfahrung mitzugeben. Natürlich ist es reizvoll auch auf Bundesebene mit jungen Athleten zusammen zu arbeiten, und ich denke, das dies nach meiner aktiven Karriere ein Ziel sein könnte, falls dies vom Verband gewünscht wäre.“

Anderes Thema: Was machst du eigentlich zwischen dem 16. und dem 26. August?

„Wahrscheinlich im Büro sitzen und arbeiten (lacht). Spaß beiseite. Ich hab schon vor mir einige Spiele anzuschauen. Und natürlich will ich die tolle Atmosphäre, die in Hamburg mit Sicherheit herrschen wird, aufsaugen.“

Dirk Passiwan im Jersey der DONECK Dolphins Trier | Foto: Steffie Wunderl.

Das letzte Wort gehört dir, Dirk. Was möchtest du gerne der Rollstuhlbasketball-Welt offiziell zum Abschied aus dem Nationalteam sagen?

„Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich in den letzten zehn Jahren international unterstützt und gefördert haben. Darunter natürlich meine Coaches Frits Wiegmann und Nicolai Zeltinger, von denen ich einiges für meine Trainerlaufbahn mitgenommen habe. Natürlich auch die Co-Trainer Bruce Enns und Ralf Neumann, mit denen ich immer ein besonderes und freundschaftliches Verhältnis hatte, vor allem Ralf ist ein guter Freund geworden, mit dem man auch über andere Dinge als Basketball reden kann. Aber auch ein großes Dankeschön an das gesamte Team, um die Physios, Manager, Ärzte, Sportpsychologen, Techniker und Betreuer, ohne die es die ganzen Jahre nicht gegangen wäre. Zum Schluss natürlich auch bei allen Spielern, die mit mir diesen Weg in den letzten zehn Jahren gegangen sind, auch dort haben sich tolle Freundschaften für die Ewigkeit ergeben.

Ich bin mir sicher, dass die Nationalmannschaft eine rosige Zeit vor sich hat. Wir haben ein großes Potenzial an jungen Spielern, die ihren Weg gehen werden. Ich hoffe, dass sich Dinge in unserem Verband weiter entwickeln, und dass es in naher Zukunft eine Förderung der Akteure geben wird, wie es in anderen Ländern der Fall ist, wie z. B. In den Niederlanden oder Großbritannien. Denn nur so ist es möglich, auch in Zukunft eine gute Rolle bei großen Turnieren zu spielen.

Ich wünsche dem Team viel Glück in den nächsten Jahren. Vor allem jetzt bei der Heim-WM. Ich drücke ganz fest die Daumen und werde mitfiebern.“

Dirk, vielen Dank für deine Zeit und deinen vorbildlichen Einsatz für das Team Germany und den Rollstuhlbasketball in Deutschland.

Interview: Martin Schenk | Foto: Steffie Wunderl

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