Es rollt wieder – endlich!

Nach fast einem Monat Ruhe an der Basketball-Front werden in Wetzlar, Elxleben, Hannover & Co, die in- und ausländischen Protagonisten am kommenden Wochenende wieder übers Feld cruisen und um die orange farbene Kugel hustlen. Dabei dürfen sich die Fans auf attraktive Partien und eine fesselnde Liga freuen. Zwar ziehen die Bulls einsam ihre Kreise an der Tabellenspitze, und werden dies auch noch nach der mit Spannung erwarteten Partie an der Lahn tun, aber das breite Mittelfeld der RBBL sowie ein dynamischer Abstiegskampf tragen dazu bei, dass die Liga, wie von den Experten prophezeit, ungemein ausgeglichen und spannend bleibt und bleiben wird. Aber nicht nur auf dem Court wird es hochinteressant zugehen, sondern auch hinter den Kulissen. Es sind viele Fragen offen sowie Positionen und Aufgabenfelder unbesetzt. Es wird ein neuer Vorsitzender für den Fachbereich Rollstuhlbasketball gesucht, einen echten Geschäftsführer für die RBBL AG gibt es aktuell auch nicht – und die Fans warten immer noch händeringend auf die erste offizielle Verlautbarung in puncto Testspiel des Team Germany auf heimischen Boden vor der wegweisenden WM in Hamburg.

Meisterschaft

Der Titel, liebe Fans, wird nicht am 27. Januar in der August-Bebel-Halle vergeben, sondern erst in den Play-offs bzw. am 21./22. April 2018. Dass die Meisterschaftstrophäe in Wetzlar bzw. Elxleben gen Hallendeck gereckt wird, dessen sind sich der Großteil der Fans und Experten – trotz der RSV-Niederlagen gegen Trier und in München – schon jetzt einig. Spielerisch und sportlich sind die beiden Klubs dem Rest der Liga enteilt. Bis zu acht Trainingseinheiten pro Woche sind weder in Thüringen noch in Mittelhessen ungewöhnlich – aber eher selten an anderen Standorten. Zu den idealen Trainingsbedingungen gesellen sich Profis bzw. Spieler mit einer hochprofessionellen Einstellung, die ihr Leben am Sport ausrichten. Die Meisterschaft und auch der Kampf um den DRS-Pokal wird im Kopf und an der Seitenlinie entschieden. Zwei Teams, deren Spieler im ICE-Tempo übers Parkett rollen und jeden Fehler des Gegners eiskalt ausnutzen, eliminieren sich auf diesem sportlichem Niveau nahezu. Aus diesem Grund wird die Mannschaft Meister, die variabel und klüger auf die Angriffs- und Verteidigungstaktiken des Gegenübers reagiert und dessen Spieler und Spielerinnen die Ansagen des Trainers besser umsetzen. Neben der reinen Umsetzung der Taktik auf dem Feld, wird es auf die psychische Verfassung von Böhme, Halouski & Co. ankommen. Wer hat seinen Kopf und seinen Willen im Griff? Wer rollt den extra Meter? Wer muntert seine Teamkameraden auch nach einem Turnover auf? Wer blendet die Scharmützel und die „Amok-Trommler“ auf beiden Seiten der Tribüne aus? Das Rennen um die Titel wird elektrisieren und die Fans und Zuschauer mobilisieren. Eine fantastische Sache, die dem Sport und der führungslosen RBBL gut tun wird.

Das Mittelfeld, der Abstiegskampf und die verbleibenden Play-off-Plätze

Hannover gewinnt in Wiesbaden, Köln in Zwickau, Wiesbaden gewinnt in Hamburg, München schlägt den RSV und so weiter und so fort. So zerreißend wie der Kampf um die Krone, wird sich auch der Fight um die verbleibenden Play-off- sowie die Abstiegsplätze gestalten. Die Tagesform wie auch das mentale Setting werden über Sieg und Niederlage entscheiden.

Während die Kölner schon drei Mal in den letzten Jahren dem Abstiegstod von der Schippe gesprungen sind, haben sie nach aktuellem Stand der Dinge die schlechteste Ausgangsbasis im Rennen um den Klassenverbleib. Niederlagen gegen direkte Konkurrenten und schwere Lasten in puncto „direkter Vergleich“ machen den Rückrundenstart nicht einfach. Schaffen Sie den Klassenerhalt, darf sich das Management ob seiner „Japan-Taktik“ auf die Schulter klopfen, landen die Domstädter in der zweiten Klasse, werden sich die Verantwortlichen kritische Fragen gefallen lassen müssen – insbesondere was die Spieler-Disposition zu Beginn der Saison betrifft.

Geringfügig bessere Karten haben die mit einer schmalen Rotation spielenden Baskets 96 Rahden. Ein Sieg gegen Köln und der „Dezember-Buzzerbeater-Verlängerungs-Erfolg“ gegen die Rhinos stehen aktuell zu Buche. Wie sprach es 96-Manager Stephan Rehling vor Saisonbeginn: „Nach den ersten fünf Spieltagen wird es sich zeigen, wohin uns die Reise führen wird, und zwar ob wir es ins Mittelfeld schaffen oder es hart gegen den Abstieg geht. Allerdings vertraue ich auf unseren erfahrenen Trainer und gehe davon aus, dass wir die Klasse halten werden.“ Nach Rehlings Worten, der aktuellen Tabellensituation sowie den Ergebnissen aus den ersten fünf Hinrundenspielen, wird es ein knallharter Abstiegskampf für die Truppe aus Ostwestfalen.

Von einigen prophezeit, hat das Fahrstuhl-Kollektiv von der Leine endlich den „Not-Aus-Schalter“ gefunden, um zum jetzigen Zeitpunkt in der 1. Liga stecken zu bleiben. Ob es Hausmeister bzw. Facility-Manager Kluck schafft, das Weiterfahren in höhere Tabellen-Etagen zu ermöglichen, wird sich zeigen. Fakt ist, dass die jungen Wilden um den aufblühenden Briten Bestwick drei Siege gegen Köln, Rahden und Wiesbaden einfahren konnten und damit schon wesentlich mehr Punkte auf der Habenseite verbuchen konnten, als in der letzten Erstligasaison 2015/2016. Damals gelang den Niedersachsen lediglich ein Erfolg gegen die Mainhatten Skywheelers.

Wenn es so etwas wie eine positive Überraschung in der 1. RBBL gibt, dann sind es die Iguanas aus München. Nach der frühen Demission von Headcoach Ebertz gelang dem neuen Mann auf der bayuwarischen Kommandobrücke, Benny Ryklin, ein wahrer Husarenritt und fünf Siege in der Beletage. Umso erstaunlicher wirkt die Leistung, wenn bedacht wird, dass mit Johanna Welin und dem lange bei der Asien-Ozeanien-Meisterschaft weilenden Kim Robins gleich zwei Leistungsträger bei einer Vielzahl von Einsätzen nicht zur Verfügung standen. Bleiben die Leguane ihrer Linie treu, ist der Klassenerhalt machbar.

Riss das Ruder bei den Iguanas rum und führte sein Team zu einer fulminanten Hinrunde: Benjamin Ryklin. // Foto: Steffie Wunderl

Apropos Klassenerhalt. Bis zum Tabellenvierten aus Zwickau, befinden sich alle Teams noch Mitten im Abstiegskampf. Wer glaubt, die Klasse mit fünf Siegen halten zu können, hat die Rechnung ohne die Ausgeglichenheit der Liga gemacht. Ich sage nur: Jeder kann jeden schlagen.

Dass die letztgenannte Aussage keine Phrase ist, davon kann das Überraschunsgteam der letzten Spielzeit, die Rhine River Rhinos, ein Lied singen. Eine Heimniederlage gegen Hannover und der bereits erwähnte Overtime-Nackenschlag beim Aufsteiger aus Rahden – nebst Verlust des direkten Vergleichs – kann den Dickhäutern noch richtig wehtun. Eine weitere Niederlage gegen Hannover zum Start ins Jahr 2018 dürfte zu einem recht deutlichen Nasenrümpfer bei Manager Korder führen. Ehe sie sich versehen, könnten die Hessen ganz tief im Abstiegsstrudel stecken, was insbesondere den potenziellen Nationalspielerinnen im Dress der Rheinstädter nicht schmecken dürfte, wird ihre Leistung in Bezug auf eine mögliche WM-Teilnahme, wie bei den anderen Athleten, exakt beobachtet.

Als Wundertüte der Hinrunde lassen sich die Feuervögel aus Zwickau beschreiben. Einer Siegesserie von vier Erfolgen am Stück gegen Hamburg, München, Hannover und starke Dolphins aus Trier, folgten zwei Niederlagen in Hessen beim RSV und den Rhinos. Dem nicht genug, hatten die Muldestädter auch das Nachsehen gegen Tabellenschlusslicht Köln und zweimal gegen den Tabellenführer aus Elxleben. Die Hinrunde des BSC gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt, die, anders als letzte Saison, weniger turbulent enden könnte. Doch wie auch für die anderen „Mittelfeld-Teams“ gilt für die Zwickauer, dass jede Partie schon fast ein Endspiel ist und jeder Sieg die Distanz auf die Plätze neun und zehn vergrößert.

Die Vierzehneinhalb-Hauptdarsteller von der Alster spielten eine von Licht und Schatten geprägte Hinrunde. Dem Sieg in München folgte ein hauchdünner Erfolg auf heimischem Parkett gegen Passiwan & Co. Weitere Punkte sammelten die Nordlichter gegen die Aufsteiger aus Hannover, die Baskets 96 Rahden sowie die 99ers aus Köln. Außer gegen die Moselaner verbuchte die „Multikulti-Truppe“ von Headcoach Glinicki keinen „big punch“ gegen die direkte Mittelfeld-Konkurrenz aus Zwickau und Wiesbaden. Diese Scharte können die Baskets gleich in den ersten beiden Spielen des Jahres 2018 auswetzen. Gegner dann: die besagten Rollers und Rhinos.

Zu guter Letzt muss noch über die Equipe des ehemaligen Nationalspielers und Spielertrainers Dirk #Passiwahnsinn gesprochen werden. Die sonst eher als medienscheu geltenden Herrschaften von der Porta Nigra hatten früh ihren Kader für die aktuelle Saison verlautbart, wobei der Kern der Truppe um Dadzite, Davey und Wright zusammenblieb und punktuell und geschickt ergänzt wurde. Die Moselaner waren es dann auch, die den absoluten Überraschungserfolg der Saison landeten, über den sich die Anhängerschaft noch die nächsten 20 Jahre unterhalten wird. Den amtierenden Meister aus Wetzlar schlugen die Delfine in mittelhessischen Gewässer vernichtend. 61:40 hieß es am Ende in der August-Bebel-Halle zu Wetzlar. Auch sonst präsentierten sich die Trierer äußert stabil und hatten lediglich gegen die großen Bulls, in Zwickau und (hauchdünn) in Hamburg das Nachsehen. Zu Hause bewahrten die Säuger ihr „clean sheet“ bzw. hielten ihre „Heim-Weste“ weiß. Mehr als ordentliche Werte, der die Trierer nicht nur auf Tabellenplatz drei katapultierte, sondern auch ins DRS Final-Four.

Fazit

Tolle Teams, fantastischer Sport, Dramatik, Spannung, Emotionen und Überraschungen. Die RBBL und die Entwicklung der Vereine zu beobachten und zu begleiten macht riesigen Spaß. Die Liga ist durchaus ein Qualitätsprodukt, eine Marke, der jedoch die Verpackung und die klare Platzierung fehlt. Ich möchte nicht ewig die gleiche Leier anstimmen. Von daher in der gebotenen Kürze: Diejenigen, die den Fortschritt und die Entwicklung der RBBL in der Hand haben, sitzen in den Vereinsheimen und Büros der Klubs. Die Weltmeisterschaft, so bin ich mir sicher, wird bombastisch. Aber selbst das Echo einer explodierenden Bombe bleibt ungehört und verhallt lautlos, wenn es nicht auf entsprechende Resonanz trifft.

Text: Martin Schenk

 

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