Interview mit Tarik Cajo: „Ausbildung, Beruf und Sport – das ist Dauerstress.“

Der NRW-Landestrainer und Aktivposten der Baskets 96 Rahden, Tarik Cajo, rekapituliert im Rollt.-Interview die vergangene Spielzeit in Ostwestfalen. Ferner blickt der 2,0-Punkte-Mann auf die Rollstuhlbasketball-Situation in Deutschland und die nahenden Titelentscheidungen.

Tarik, euer Abstieg in die 2. Liga liegt ein paar Tage zurück. Wie hat die Mannschaft, das Management und auch die Fans den direkten Wiederabstieg verkraftet?

Wir hätten den Abstieg gerne vermieden. Sportlich gesehen waren die Chancen da, aber wir haben sie leichtfertig vergeben. Am Ende muss man es sportlich so hinnehmen und die Lehren draus ziehen.

Was waren deiner Meinung nach die Hauptgründe, dass ihr euch nicht in der 1. RBBL halten konntet?

Wir haben recht wenig Zeit gehabt uns auf die erste Bundesliga vorzubereiten, sowohl strukturell im Sinne einer professionellen Planung, als auch in puncto Verstärkung des Kaders, die man in der 1. Liga zwingend braucht. Des Weiteren haben wir als gesamtes Team, aus diversen Gründen, nicht oft komplett trainieren können. Hinzu kommt, dass 50 Prozent der Spieler Vollzeitjobs haben und nicht mehr als zweimal in der Woche trainieren können, das ist einfach zu wenig auf diesem Level. Das Auftaktspiel in Wiesbaden müssen wir am Ende des Tages gewinnen, auch wenn die Rhinos  über die gesamte Spielzeit gesehen besser waren. Dann gab es die Duelle, wie das Heimspiel gegen Hannover und München, in denen wir bis kurz vor Ende des Spiels geführt haben und auf der Zielgerade das Match aus der Hand gegeben haben. Da fehlte uns die Erfahrung und Cleverness. Der Tiefpunkt für die Mannschaft war sicherlich die Niederlage nach Verlängerung in Hannover.

Mal weg von den vermeintlich „negativen Dingen“, welche positiven Rückschlüsse ziehst du aus der Saison 2017/2018?

Die Saison 2017/18 war insgesamt,  wenn ich die RSB Thuringia Bulls mal außen vorlasse, die ausgeglichenste und spannendste Spielzeit in den letzten 10 Jahren, wobei ich die ganzen Livestream -Übertragungen für eine ganz tolle Sache halte

Und was war der schönste Saison-Augenblick für dich?

Unser DRS-Pokalsieg gegen Zwickau  und der Erfolg meines Teams gegen die Rhinos aus Wiesbaden nach Verlängerung in Rahden, den ich krankheitsbedingt nur von zu Hause über den Livestream verfolgen durfte.

Mit Köln, den starken Osnabrückern sowie eurer Mannschaft darf sich der Rollstuhlbasketball-Fan auf eine packende 2. Liga (Nord) in der Spielzeit 2018/2019 freuen. Wie würdest du, auch wenn sich jetzt nicht viel sagen lässt, die kommende 2. RBBL (Nord) einschätzen?

Das ist in der jetzigen Phase sehr schwer einzuschätzen, da alle Teams viele Abgänge zu verkraften haben. Was passiert mit den Spielern in Rahden? Wie sieht es mit den Japanern in Köln aus? Was ist mit dem Niederländischen Trio aus Osnabrück? Es ist noch zu früh, wobei ich denke, dass BBC Warendorf ein Wörtchen in der 2 RBBL mitreden wird.

Gibt es schon Signale einzelner Spieler, dass sie auch eine Klasse tiefer für Rahden auf Korbjagd gehen. Kannst du dazu etwas sagen?

Es werden derzeit Gespräche mit den Spielern geführt.

Und wie sieht es mit dem Headcoach Josef Jaglowski aus?

Der Trainer hat bereits signalisiert auch in der 2. Liga weitermachen zu wollen.

Mal weg von Rahden: Welche positiven wie negativen Entwicklungen siehst du in „Rollstuhlbasketball-Deutschland“?

Positiv ist, dass wir eine sehr starke Liga in Deutschland haben, die mit sehr vielen  Weltklassespielern aufwarten kann. Der Sport ist sehr attraktiv und lässt sich  gut vermarkten. Die 1. Liga entwickelt sich immer mehr zu einer reinen Profiliga, das ist sehr toll, muss aber für die Vereine auch finanzierbar sein und bleiben. Ich habe die Befürchtung, dass die Nachwuchsspieler durch diese Entwicklung kaum eine Chance haben werden in der ersten Liga zu bestehen. Ausbildung, Beruf und Sport – das ist Dauerstress. Jemand der finanziell auf den normalen Beruf angewiesen ist, wird diese Entwicklung nicht lange durchstehen können. Wir brauchen für die Nachwuchsspieler bessere finanzielle Fördermöglichkeiten vom Staat bzw. dem Land.

Abschlussfrage: Wer wird deiner Meinung nach Deutscher Meister, Pokalsieger, Champions League Sieger und Weltmeister? Und warum?

Als Deutschen Meister sehe ich die Thuringia Bulls in einer leichten Favoritenrolle, wobei der RSV Lahn-Dill auf keinen Fall abgeschrieben werden darf. Warum? Wetzlar ist in dieser Saison einfach unberechenbar, sie können ein Spiel mit 20 Punkten verlieren, aber auch zwei Spiele hintereinander knapp gewinnen. Der Pokal geht, wenn ich mich festlegen muss, nach Thüringen. In der Champions League werde ich unseren deutschen Teams natürlich die Daumen drücken, aber Madrid ist für mich klarer Favorit. Als Weltmeister sehe ich bei den Herren ganz klar die USA. Gegen diese Athletik zu bestehen, mag vielleicht in einer anderen Sportart funktionieren, aber nicht im Rollstuhlbasketball.

Tarik, vielen Dank für deine Zeit

Interview: Martin Schenk | Foto: Steffie Wunderl

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