Claudia Güntner im Interview | „Ich denke, dass die Eltern durchaus Wertschätzung erhalten, aber nicht immer genügend.“

Die Mütter und Väter des Rollstuhlbasketball-Nachwuchses sind es, die Lebenszeit, Energie und Herzblut in die sportliche Entwicklung Ihrer Sprösslinge investieren. Was das genau heißt, haben wir Claudia Güntner gefragt. Die dreifache Mutter hat uns Rede und Antwort gestanden.

Wie Matthias Güntners Mama der familiäre Spagat gelingt, wie der elterliche Einsatz wertgeschätzt wird und wie sie sich nach der Nationalmannschaftsnominierung ihres Sprößlings gefühlt hat, berichtet sie im Interview.

Claudia, drei Kinder, Ehemann, Familie, Haushalt, Beruf, wie schaffst du es da noch, deinen Sohn Matthias zu begleiten und das alles zu managen?

„Es ist in der Tat nicht immer ganz so einfach, alles unter einen Hut zu bekommen, so dass auch mal der Haushalt liegen bleibt. Als für Matthias z. B. die Trainingsmitfahrgelegenheit in persona Thomas Gundert ausfiel, weil er krank war, hat uns das vor die eine oder andere Herausforderung gestellt. Aber irgendwie funktioniert es immer.  Mein Mann und ich wechseln uns da immer ab mit dem Fahren. Zu Hause haben wir noch einen Joker. Wir wohnen mit meiner Mutter in einem Haus. Sie ist dann Ansprechpartner für die Mädels, wenn es Probleme gibt oder von uns keiner zu Hause ist.“.

Wie gelingt dir der Spagat, auch deinen zwei Töchtern und deinem Mann gerecht zu werden?

„Mein Mann und meine jüngste Tochter Julia sind meistens bei den Spielen mit am Start. Mit meinem Mann war ich in Lignano, Amsterdam und Toronto. Das entschädigt für den Stress, den wir alle vorher hatten. Durch Matthias‘ Sport kommt die Familie schon ordentlich rum in Deutschland. Bei Julia ist es so, dass sie ab und zu auch eine Freundin mitnimmt zu den Partien. Sie ist gerne auf Reisen und ein großer Fan ihres Bruders. Die beiden Mädels tanzen in einem Karnevalsverein und die Jüngste spielt Trompete. Das hören und schauen wir uns natürlich auch an. Würden wir dies nicht machen, gäbe es berechtigte Proteste. Manchmal müssen wir uns dann auch als Eltern teilen, oder aber meine Mutter springt ein.“

Seit wann begleitest du die Rollstuhlbasketball-Aktivitäten deines Juniors eigentlich?

„Seit Matthias‘ zehntem Lebensjahr. Aber auch vorher waren wir als Eltern schon bei jedem Handball- und Fußballspiel dabei.“

Kannst du abschätzen, wie viel Zeit, Kosten und Kilometer die Familie schon in Matzes sportliche Karriere investiert hat?

„Puh, das ist schwierig zu sagen. Ich denke, dass da schon so einiges zusammengekommen ist. Ob es für eine Reise um die Welt reicht, kann ich nicht einschätzen. Es ist definitiv einiges an Lebenszeit angefallen. Vielleicht gibt es anderen Eltern, die das beantworten können. Ich muss aber auch klar sagen, dass wir das alles sehr, sehr gerne machen.“

Apropos andere Erziehungsberechtigte. Denkst du, dass den Papas und Mamas genügend Wertschätzung seitens der Verantwortlichen bei den Vereinen und beim Verband entgegengebracht wird? Oder wird vieles, nicht nur im Rollibasketball, als selbstverständlich erachtet?

„Ich denke, dass die Eltern durchaus Wertschätzung erhalten, aber nicht immer genügend. Das ist von Verein zu Verein verschieden. Und auch bei den Verbänden und Veranstaltern. Ich glaube, dass vieles schon als selbstverständlich angesehen wird und auch ist. Ich möchte dir ein kurzes Beispiel nennen. Bei der U23 WM in Toronto waren kaum Zuschauer in der Halle bzw. wurden nach meinem Kenntnisstand Schulklassen als Hallenfüller eingeladen. Und von wem verlangt der Veranstalter Eintrittsgeld? Klar, von uns Eltern, die bereits für hohe Flug- und Reisekosten aufkommen mussten, um ihre Kids und das Turnier vor Ort zu unterstützen. Es geht mir nicht um ein paar Dollar, jedoch hat dies alles auch etwas mit Wertschätzung des elterlichen Einsatzes und des familiären Engagements zu tun. Diesbezüglich müsste sich was ändern.“

Was könnte deines Erachtens noch verbessert werden, um den Sport, die Athleten und deren familiäres Umfeld zu stärken?

„Es sind  durchaus die kleinen Dinge der Wertschätzung, wie z. B. das bereits beschriebene Eintrittsgeld. Für Matthias hingegen wäre eine Ausbildungsstelle wichtig, die auch dem Leistungssport gerecht wird. Also mehr Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Leistungssport.“

Gerade bei der U23 Weltmeisterschaft in Kanada war zu sehen, dass auch die Mütter und Väter ein verschworener Haufen sind. Wie würdest du das Verhältnis der Spieler-Eltern untereinander beschreiben?

„Da gab es eigentlich nie Probleme untereinander. Wir haben uns alle gut verstanden und verstehen uns auch während der Ligaspiele. Unsere Verbundenheit hat sich auch darin gezeigt, dass sich alle anwesenden Mamas und Papas einheitliche T-Shirts zugelegt haben. Auch außerhalb der Halle haben wir uns in Toronto getroffen, die Abende gemeinsam verbracht, was Leckeres gegessen und getrunken. Das ist alles sehr angenehm und freundlich.“

Was waren die schönsten Momente, die du auf sportlicher Ebene mit Matthias feiern konntest?

„Jedes Event bzw. jeder Titel sind für sich ein Erfolg. Ob es eher die kleinen oder großen Veranstaltungen waren. Ich denke, dass jede Turnierteilnahme Matthias in seiner Entwicklung weiter gebracht hat. Ob nur die Junioren-Länderpokalsiege mit Rheinland-Pfalz/Baden-Württemberg, NRW und Hessen, das Turnier in Dubai, der Aufstieg in die erste Liga mit den Rhinos, die Play-Offs, der Europacup, die U23 WM oder EM oder die Europameisterschaft auf Teneriffa. Alles hatte etwas für sich.

Letzte Frage und Hand aufs Herz: Wie geschwollen war deine Brust, als dein Sohn für die A-Nationalmannschaft nominiert wurde?

„Alle Güntners haben sich sehr darüber gefreut und waren und sind sehr stolz. Auch wenn die Verfolgung der EM-Spiele via Livestream aufgrund der schlechten Übertragungsqualität sehr abenteuerlich war.“

Claudia, vielen Dank für deine Zeit.

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